Jordanien

Amman: Dunkle Perle Jordaniens

Amman Reise

Plötzlich lauter Männergesang mitten in der Nacht. Nach einer kurzen Orientierungsphase stelle ich fest, dass ich nicht zu Hause in meinem Bett liege, sondern seit drei Stunden in einem Hotel in der Hauptstadt Jordaniens. Der Imam, der um 5.20 Uhr mit einer markdurchdringenden Melancholie sein langes Gebet mit der Stadt teilt, kennt kein Erbarmen. Herzlich willkommen im Islam!

Kurze Zeit später riss mich unaufhörliches, aggressives Hupen erneut aus dem Schlaf, womit ich die Nacht für beendet erklärte. Ich hatte mir bewusst ein Hotel im Zentrum ausgesucht und war eigentlich auf einen lauten Geräuschpegel vorbereitet, aber an den Imam hatte ich nicht gedacht. Ihm kann man allerdings auch nicht entkommen – egal, wo man in Amman wohnt.

Wie bei vielen anderen Großstädten, die auf den ersten Blick nicht gerade pure Schönheit ausstrahlen, braucht es etwas Zeit, mit der Hauptstadt Jordaniens in Einklang zu kommen. Für den ersten Tag in Amman hatte ich mir vorgenommen, die  Stadt kennenzulernen und mich danach in ein klassisches, türkisches Bad (Hamam) zu begeben.

Amman Straßen Amman Straßen Reise
In dem muslimischen Land galt es sich anzupassen. Also brach ich in langer Hose, Flip-Flops und T-Shirt auf, um in dem Straßen-Wirrwarr der Stadt unterzutauchen. Im Reiseführer hatte ich gelesen, dass es für allein reisenden Frauen nicht ganz unproblematisch werden könnte. Vielleicht lag es an diesem Wissen, dass ich die Blicke der Männer auf der Straße anders wahrnahm als sonst. Viele gingen an mir vorbei und murmelten etwas in ihren Bart. Männer, die im Auto an mir vorbeifuhren, riefen mir etwas zu und lachten. Angeglotzt zu werden ist als Frau allein in vielen Ländern nicht ungewöhnlich, aber dieses Feedback war mir zu extrem. Also zurück ins Hotel, Kapuzenjacke und Chucks angezogen, Sonnenbrille auf und noch mal von vorn. Jetzt war es erträglich.

Amman Straßen  Amman Jordanien Reiseblog
Man liest zwar immer über die Unterdrückung der Frau in vielen muslimischen Ländern, aber wenn man plötzlich selbst (schon in diesem geringen Ausmaß) betroffen ist, ist das dann doch noch mal etwas anderes. Ich halte mich nicht für eine Emanze, aber es ist dennoch schwer zu verstehen, warum einer Frau so wenig Respekt entgegengebracht wird. Hier denkt der Mann nicht im Traum daran, mir mein schweres Gepäck abzunehmen oder auf dem Bürgersteig Platz zu machen. Das türkische Bad, das ich ursprünglich besuchen wollte, ist ab mittags nur noch für Männer zugänglich. In manchen Restaurants, in die man nichtsahnend tapert, sind keine Frauen erwünscht.

Amman Stadt Jordanien Jordanien Hauptstadt
Nichtsdestotrotz wurde ich von Männern, mit denen ich in Kontakt kam, freundlich und respektvoll behandelt, was ich irgendwie widersprüchlich empfand. Wie ich kurze Zeit später im Restaurant Afra feststellte, dürfen sich moderne muslimische Frauen sogar ohne Begleitung bewegen und andere wiederum tragen kein Kopftuch. Spätestens jetzt wurde mir bewusst, dass ich über den Islam fast gar nichts wusste. Und das müsste sich dringend ändern!

Amman Teehaus Amman Stadt
Am Abend ließ ich mich von einem Taxi-Fahrer in das wohl populärste türkische Bad Ammans bringen: Alf Layla Wa Layla. Unwissend, was auf mich zukommen würde, legte ich 40 JD (43 Euro) für eine Stunde auf den Tisch, bekam zwei rote Armbändchen und zwei unbequeme Holzschühchen, zog mich aus und saß kurze Zeit später in einem großen Bad im Whirlpool. 10 Minuten später nahm ich für weitere 10 Minuten in einem nebligen Dampfbad Platz. Im Reiseführer hatte ich gelesen, dass man hier ganz schön in die Mangel genommen wird.

Sandalen Hammam
Und das begann jetzt: Mit einem groben Handschuh wurde ich ruppig abgerieben und kam mir vor wie ein Truthahn, der für den Backofen vorbereitet wird. Eklige Flummis aus abgestorbener Haut bildeten sich. Duschen. Danach eine derbe Massage mit Kneten und Klopfen, die schmerzhafte Grimassen auslöste. Duschen. Nun wurde der ganze Körper mit einer Salzmischung eingerieben. Bei frisch rasierten Beinen ein brennender Schmerz, der einem die Tränen in die Augen treibt. Duschen. Fertig. Hetzjagd im Hamam!

Das Amüsante an dieser Aktion war, dass ich mich durch die Information des Reiseführers (Lonely Planet) züchtig und respektvoll in einen Badeanzug aus dem vorigen Jahrhundert gequetscht hatte und alle muslimischen Frauen nur kleine String-Tangas trugen. Da soll mal einer durchblicken…

Amman Sonnenaufgang

Meine Unterkunft, das Amman Boutique Hotel, ist übrigens mitten im Zentrum im 3. Stock mit eigenem Balkon und Gemeinschaftsbad (25 JD pro Nacht).

 

Mit gemischten Gefühlen ging der Tag zu Ende. Wenn sich der Rest der Reise in diesem Land in Bezug auf den Umgang mit Männern und Frauen weiterhin so schwierig gestalten würde, könnte das wenig entspannend werden. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen konnte: Alles würde sich um 180° drehen!

 

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12 Kommentare

  • Antworten
    Carina
    25. Oktober 2013 um 6:32

    :-D Great minds think alike?!
    Der Artikel drückt ziemlich gut aus wie es mir auch gerade geht. Schön geschrieben!
    Der Wunsch sich in der fremden Kultur anzupassen und der Frust darüber wie wenig Respekt einem selbst im Gegenzug entgegengebracht wird. Aber das ist vermutlich ein Kampf in uns der 0:0 ausgehen wird.
    Ich bin jetzt zumindest sehr gespannt was mich nächste Woche in Amman erwartet… und hoffe das mich Israel bis dahin noch etwas mehr abgehärtet und vorbereitet hat ;-)
    Viele Grüße (nochmal),
    Carina

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    • Antworten
      Ute
      30. Oktober 2013 um 6:11

      Hi Carina,
      und… bist du schon da? Bin gespannt, wie deine Meinung ausfällt :)
      Lg

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  • Antworten
    Karina
    25. Oktober 2013 um 7:14

    Super Artikel. Du hast vor allem eine witzige Schreibart wo man gerne liest und nicht aufhört. Ich finde Dich sehr mutig das Du dorthin gereist bist. Respekt. Kennst Du eigentlich den neuen Blogger-System-Anbieter qwer.com? Ich würde mich sehr über eine Antwort auch per Email von Dir freuen. Weiterhin viel Erfolg mit Deinem Blog.

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    • Antworten
      Ute
      30. Oktober 2013 um 6:13

      Hi Karina,
      vielen Dank, freut mich! Auch, wenn die Hauptstadt für eine Frau in Bezug auf Männer etwas schwierig erschien, ist der Rest der Reise in diesem Zusammenhang doch sehr entspannt gewesen. Daher ist es nicht ganz so mutig, aber Danke trotzdem für das Kompliment :)
      Liebe Grüße
      Ute

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  • Antworten
    Elischeba
    25. Oktober 2013 um 15:05

    Danke für den Blick in eine andere Welt – toller Artikel! Und super Schreibe ;-)

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    • Antworten
      Ute
      30. Oktober 2013 um 6:14

      Hi Elischeba,
      vielen lieben Dank! :)
      Liebe Grüße und bis ganz bald
      Ute

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  • Antworten
    Astrid
    23. Februar 2014 um 15:19

    Liebe Ute, inspiriert durch Deinen Blog habe ich mich hochmotiviert an die Planung meiner Jordanienreise gewagt, die Teil einer Weltreise sein wird. Könntest Du mit Deinen Erfahrungen kurz mal rüber schauen, ob das so Sinn ergibt?
    Ankunft Amman/1-2 Übernachtungen – mit Fahrer zum Toten Meer KingsHighway/ Berg Nebu, Madaba/ 1 Übernachtung – weiter nach Petra/1 Übernachtung – mit Bus nach Wadi Rum, Wüstentour mit 1-2 übernachtungen – zurück mit Bus nach Amman/1-2 Übernachtungen- Abflug
    Da wir low bis mid budget reisen habe ich etwas Respekt vor den Kosten des Fahrers (inkl. 1 Übernachtung) und daher habe ich auch noch die JETT Busfahrten eingeplant. Kannst Du was zu den Kosten sagen?
    Danke Dir herzlichst!
    Astrid

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    • Antworten
      Ute
      23. Februar 2014 um 15:49

      Hallo liebe Astrid,
      freut mich sehr, dass ich dich zu Jordanien inspirieren konnte :)
      Also, wenn du nur etwa eine Woche insgesamt für das ganze Land planst, würde ich in Amman so wenig Zeit wie möglich verbringen. Die Stadt ist nicht besonders schön und alles andere vom Land ist wesentlich interessanter! Auch den Berg Nebu und Madaba würde ich – wenn überhaupt – nur auf der Durchreise planen und dort nicht übernachten. Aber das Schwimmen im Toten Meer darfst du nicht auslassen!
      Mein Vorschlag wäre daher für eine Woche wie folgt:
      1. Ankunft Amman, 1 Übernachtung u. am nächsten Morgen los
      2. Taxi nach Petra über King’s Highway inkl. Totem Meer mit 2 Übernachtungen in Wadi Musa oder Little Petra oder 1 Übernachtung und am Abend nach Petra nach Wadi Rum (geht dann aber nur mit dem Taxi u. nicht mit dem Bus (fährt nur morgens); würde dir auch Petra bei Nacht empfehlen!, Übernachtung in Wadi Rum im Camp (guck mal bei bedouinroads.com unter „About / How to get here“)
      3. Wadi Rum 1-2 Übernachtungen (ein voller Tag und eine Nacht reicht eigentlich auch aus), am nächsten Tag nach Aqaba ans Rote Meer
      4. Aqaba 1 Übernachtung (sichere Stadt, gutes, günstiges u. zentrales Hotel ist das Golden Rose mit tollem Meerblick u. kleinem Balkon); von hier aus geht ein Bus direkt und entspannt mit Jett nach Amman in ca. 5-6 Stunden. Unter diesem Link findest du alles über die JETT-Verbindungen: http://www.your-guide-to-aqaba-jordan.com/jett-bus-schedule.html
      Für deine Weiterreise kannst du noch berücksichtigen, dass es in Aqaba auch einen Flughafen gibt, der Flüge nach Brüssel, Ägypten und Istanbul anbietet. In meinem Artikel zu Wadi Rum und Jordanien&Ich findest du noch weitere Infos. Kannst mir aber auch gern noch mal eine Mail schicken.
      Freue mich für dich, wird bestimmt toll!
      Liebe Grüße & eine gute Reise,
      Ute

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  • Antworten
    carmen
    15. Mai 2015 um 12:50

    Hi Ute, toller Jordanien Bericht, schön geschrieben . Meinst du das man als Frau mit 16 jähriger Tochter, problemlos einen Mietwagen nehmen könnte und dann Totes Meer , Petra und Wadi Rum machen könnte, um sich das Taxi mit Fahrer zu sparen und nicht von den Öffentlichen abhängig zu sein ? Oder “ schickt “ sich das nicht für 2 Frauen ?
    Vielleicht hast du da ja Erfahrungen .
    Danke

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    • Antworten
      Ute
      18. Mai 2015 um 14:33

      Hallo Carmen,
      vielen Dank für das Kompliment. Meines Erachtens könnt ihr euch problemlos einen Mietwagen nehmen und drauf los fahren. Mit Navigationsgerät oder Handy mit Navigation dürfte das auch kein Problem sein. Wird alles in allem aber etwas teurer sein als öffentliche Verkehrsmittel und ein Taxi zu nehmen – und wäre auch bequemer. Aber natürlich seid ihr mit einem eigenen Wagen freier. Ich habe zwei Frauen kennengelernt, die das ganze Land mit dem Fahrrad befahren haben und sie haben – entgegen der allgemeinen Annahme – extrem viel Zuspruch und Hilfestellung bekommen. Was ihr immer beachten solltet, ist die Kleidung: langärmlige, weite Oberteile, nichts Figurbetontes, lange Hosen oder Röcke. Ist bei der Hitze nicht wirklich angenehm, aber meines Erachtens – auch als Zeichen des Respekts – sehr wichtig. Wünsche euch eine tolle Reise! Würde auch sehr gerne nochmals dorthin…
      Viele Grüße
      Ute

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  • Antworten
    Leni
    21. April 2016 um 17:22

    Hi Ute!

    Vielen Dank, für deinen tollen Bericht! :) Ich hätte eine Frage: ich fliege bald über Amman nach Kairo. Findest du, lohnt es sich, eine Nacht dort zu bleiben? Ich wäre auch allein unterwegs und wollte fragen, in welchem Hotel du warst. Und weißt du, ob es öffentliche Verkehrmittel in die Stadt gibt? Oder soll ich besser mit dem Taxi fahren?

    Liebe Grüße,
    Leni

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    • Antworten
      BRAVEBIRD
      30. April 2016 um 22:27

      Hallo liebe Leni,
      sehr gerne! Klingt nach einer spannenden Reise :) Eine Nacht in Amman lohnt sich meiner Meinung nach nicht so wirklich… meine Unterkunft war das Amman Boutique Hotel. Es hängt ein wenig von deiner Reise-Erfahrung ab, ich habe damals ein Taxi zum Hotel genommen (Preis weiß ich leider nicht mehr). Viele Grüße und eine tolle Reise! Ute

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