Gestern stand die Entdeckung Bukarest’s an. Ich hatte mich bisher nie mit der Geschichte Rumäniens befasst und muss gestehen, dass ich dieses Land irrtümlicher Weise immer mit den „Roma“ in Verbindung gebracht habe, die ja leider europaweit keinen besonders guten Ruf genießen. Durch diesen Irrtum hatte ich Rumänien auch als nicht besonders sicher eingeschätzt. Als ich aber auf der Seite des Auswärtigen Amtes erfuhr, dass es keine besonderen Sicherheitshinweise zu beachten gibt, war ich positiv überrascht.

Es schien wie eine Reise in die Vergangenheit. Als ich mich morgens gegen halb zehn zu Fuß auf den Weg machte, schien die Stadt noch zu schlafen. Die Straßen der Altstadt waren menschenleer. Während die Menschen in Deutschland an diesem vorweihnachtlichen Samstag wahrscheinlich die Geschäfte leer kauften, war hier besinnliche Ruhe angesagt. In einer der Gassen fand ich dann endlich ein nettes Café für ein zweites Frühstück.

Wenngleich das Stadtbild durch die riesige Anzahl an Graffitis leidet und nicht zu dieser allgemeinen Vintage-Optik passen will, begeisterte mich die Atmosphäre der Stadt. In den 30er Jahren nannte man Bukarest auch „Klein Paris“. Alte Ladas, Dacias und andere russische Schrottlauben stehen am Straßenrand. Die älteren Generationen kommen mir auf dem Weg zur Kirche entgegen. Kirchen, Boulevards, Parks und zuguterletzt der riesige Parlamentspalast befanden sich auf meinem Weg.

Der immense „Palast des Volkes“ ist der ehemalige Königspalast und überraschender Weise nach dem Pentagon das zweitgrößte Gebäude der Welt. Irgendwie würde man das in einem armen europäischen Land wie Rumänien nicht erwarten. Dieses Riesending mit mehr als 3.000 Zimmern ist aber für viele Rumänen eine architektonische Wunde, denn der Diktator hatte damals in seinem Größenwahn mit Ausgaben von 3,5 Millarden Dollar in nur fünf Jahren großes Elend über das Land gebracht.

Durch den Izvor Park ging es zum Lunch in die Altstadt und in das anliegende In-Viertel Lipscani. Kurze Zeit später fand ich einen weiteren idyllischen Park namens Cismigiu mit kleinen Ess-Buden, Musik und einer Eislauf-Fläche auf dem zugefrorenen Teich. Die Menschen hier sind übrigens sehr freundlich und können in der Mehrzahl überraschend gut Englisch.

Auf dem Rückweg zum Hotel über den Boulevard N. Balcescu suchte ich weiterhin vergeblich nach Geschäften, in denen ich meine rumänischen Lei loswerden konnte. Aber Fehlanzeige.

Bevor ich heute um 13.45 Uhr in den Flieger zurück nach Köln steige, rundete ich meinen Bukarest-Besuch mit einer kleinen City Tour ab. Was sich zunächst sehr touristisch anhört, hat sich für mich im Laufe der Jahre absolut bewährt, da man nicht nur die wesentlichen Sehenswürdigkeiten einer Stadt zu Gesicht bekommt, sondern durch den Guide auch etwas über Land und Leute erfährt, was man oftmals in den normalen Reiseführern nicht lesen wird. So konnte mein heutiger Guide zum Beispiel endlich mein großes Fragezeichen zum Thema Roma und Sinti lüften.

Eines der Highlights der Halbtages-Tour war der Besuch des bereits erwähnten Parmalentspalastes, den ich am Tag zuvor nur von außen bewundern konnte. In der etwas mehr als einstündigen Führung durch dieses unbewohnte und nur teilweise genutzte Prachtgebäude bleibt einem im wahrsten Sinne des Wortes die Spucke weg. Überdimensionale Kristalllüster hängen von den Decken riesiger Räume und die immens großen Teppiche in den Sälen wiegen mehr als ein Dutzend Tonnen.

Den Gegensatz zu diesem Luxus-Palast lernte ich dann kurze Zeit später im Village Museum (Muzeul Satului) kennen, das aus einem kleinen Dorf mit unterschiedlichen Häuser-Typen der rumänischen Regionen besteht und einen um Jahrzehnte zurückversetzt. Eine tolle Atmosphäre ergab sich hier bei Kälte, Sonnenschein und Besuchern, die die Wege mit Blick auf einen See entlang schlenderten.

Der Abschied naht. Auf dem Rückweg am ehrwürdigen Platz der Revolution vorbei, entließ mich der Fahrer wieder auf dem Boulevard N. Balcescu. Hier traf ich mich noch mal kurz mit meinem Freund Tal in einem Café im Keller eines modernen Buchladens. Wir überlegten schon, wo wir uns das nächste Mal treffen könnten. Vielleicht in seiner Heimat in Israel.

Alles in allem halte ich Bukarest für eine absolut sehenswerte Stadt, die bei mir eine große Lust auf eine Tour durch Rumänien geweckt hat. All die Orte, deren Namen man meist gedankenlos verwendet wie Karpaten und Walachei sowie die Mythen um Dracula und Frankenstein in Transsilvanien findet man in diesem osteuropäischen Land am Schwarzen Meer. Ich komme wieder!

 

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