Kanada

Gastown und Granville Street

Tag 4: Und täglich grüßt das Murmeltier. Aufwachen zur gleichen frühen Stunde und das Wetter ist wie gehabt schlecht. Ich kann mich von einer gewissen Frustration ehrlich gesagt nicht freisprechen. Normalerweise hätte ich bei einer Rundreise schon längst die Flucht ergriffen, aber das Hotel ist bis Samstag fest gebucht und daher brauche ich an diese Idee keine weiteren Gedanken zu verschwenden. Ich hätte so gerne eine Tagestour nach Victoria auf Vancouver Island unternommen, aber bei diesem düsteren Wetter weit über 100$ für solch eine Tour auszugeben, finde ich irgendwie unverhältnismäßig. Also würde ich mich weiter auf die Suche nach den schönen Seiten Vancouvers begeben.
Eines der wenigen Viertel, die ich noch nicht kennengelernt habe, ist Gastown nordwestlich von Chinatown…
 
Auch Gastown wird als hip bezeichnet und lässt hoffen, dass das diesmal auch wirklich zutrifft. Es ist das älteste Viertel der Stadt, liegt in Waterfront-Nähe und soll erstklassige Galerien sowie Shops und Restaurants vorweisen. Auf meiner Karte stellte ich allerdings fest, dass Gastown von der Hastings Street gesäumt wird- die Straße, wo ich vor nicht allzu langer Zeit mit unschönen Erlebnissen durch Penner und Drogensüchtige konfrontiert wurde. Es blieb also abzuwarten, ob die sich auch in diesem Viertel aufhalten würden.

Der Weg zum Ziel führte mich erneut durch Straßen mit eintönigen gläsernen Hochhäusern. Die öffentliche Bücherei erinnert in ihrer Bauweise ein wenig an das Colloseum in Rom. Innen drin aber präsentiert sich eine triste graue Inneneinrichtung und lädt selbst einen Bücherfreak wie mich nicht zu einem Besuch ein.

Von der Cambie Street an der Hastings Street angekommen, endlich ein Lichtblick: Ein cooles Restaurant! Das Meat & Bread auf der Cambie Street hat nur eine überschaubare Karte, dafür aber überzeugend: Sandwiches mit täglich wechselndem Fleisch-Angebot für nicht ganz günstige 9$, dazu auf Wunsch Salat und Senf. Heute gibt’s Lamm. Serviert wird auf einem Brett, Wasser kann man kostenfrei selbst einschenken und Sitzen an langen Tischen ist angesagt. Einzig die Musik ist etwas gewöhnungsbedürftig, lauter Punkrock.
Obwohl das Meat&Bread optisch einem Restaurant glich, war die Nahrungsaufnahme doch eher eine kurze Angelegenheit, da die Leute gleich nach Vertilgen ihres Sandwichs aufstanden und gingen.

Vielleicht war ich also nun endlich im richtigen Viertel angekommen. Der Umgebung nach waren die Chancen jedenfalls ziemlich gut! Im Hintergrund der Turm ist übrigens der Vancouver Lookout, den ich immer noch nicht bestiegen habe. Ich warte immer noch auf besseres Wetter…

Von der Cambie Street auf die Cordova Street gab es wieder nichts Spektakuläres, auf der Water Street befanden sich viele Souvenir-Shops, Restaurants, Pubs, Cafés und auch einige Galerien sowie die berühmte Steam Clock. Zufälliger Weise stand ich genau zur vollen Stunde vor der Uhr, die Rauch wie eine Dampflock ausstieß. Diese Dampfuhr ist übrigens das Wahrzeichen des Stadtteils Gastown.

Starbucks ist natürlich mal wieder mitten drin. Obwohl ich hier – wie zu Hause auch – nur maximal zwei Latte Macchiato am Tag trinke, habe ich gerade einen Kaffee-Overload. Die totale Coffeeshop-Reizüberflutung! Mich würde mal interessieren, wie viel Kaffee die Kanadier in Vancouver so am Tag im Durchschnitt trinken. 
Auf dem Maple Tree Square am Ende der Water Street gab es noch einen großen Vintage-Laden und einen Western-Shop. Für die Tatsache, dass die Water Street in Gastown eine beliebte Touristen-Straße sein soll, treiben sich hier extrem wenige Menschen herum. Umliegende Straßen sind zum Teil menschenleer. Ob es nur am Wetter oder an der Jahreszeit liegt? Mal sehen, ob ich auf diese Frage noch eine Antwort finde.
Auf dem Square überrascht des Weiteren ein Flatiron Building-Nachbau. Dieser hier ist allerdings wesentlich kleiner geraten als das Gebäude in New York, was daran liegen mag, dass die Hochhäuser in Vancouver nicht höher als 150m gebaut werden dürfen. Der Grund: Die Sicht auf die Berge soll nicht versperrt werden.
Nur wenige Meter weiter auf der Carrall Street machte ich endlich wieder eine gute Café-Entdeckung: Nelson the Seagull. Ein riesiger Raum, hohe Decken, gute Musik, nette Leute, Vintage-Interieur, alles gut. Nur an dem Coconut Crunchie, den ich mir als Nachtisch gönnen wollte, hätte ich mir fast die Zähne ausgebissen. Wohin sollte es denn jetzt weitergehen? Bei dem Wetter fällt es auf Dauer schwer, sich weiter aufzuraffen. Ich würde wohl Richtung Heimat zurück gehen. Der populären Granville Street könnte ich bei dieser Gelegenheit einen Besuch abstatten.
Glücklich und mehr als satt auf der Carrall Street führte mich der Weg zurück schon wieder auf die Hastings Street. Erneut zig Obdachlose, die in der Kälte auf der Straße saßen oder mit ihrem Einkaufswagen unterwegs waren. Das letzte interessante Geschäft war die Stylegarage mit ausgefallenen Möbeln (zum Beispiel Sessel mit Polstern aus zusammen geflickter Bundeswehrkleidung), Kissen und weiteren Wohn-Accessoires. Ein trendiges und vor allen Dingen gut besuchtes Café schien das Acme zu sein.

Hamilton, Homer, Richards und Seymour Street gekreuzt, bis endlich die Granville Street kam. Meine frustrierte Shopping-Seele wollte sich in der großen Mall Pacific Centre an schönen Dingen erfreuen. Nur waren meine Erwartungen auch hier offensichtlich zu hoch. Eine Rolltreppe führte neben einem eingebauten Starbucks nach oben und dann ging es durch einen sterilen Schlauch in die Verkaufs-Etage. Ich suchte mir irgendwo den nächsten Ausgang und verließ das Ding. Vielleicht würde der Rest der Granville mit besseren Angeboten aufwarten. Hier befindet sich auch die City Centre Station mit entsprechend großem Menschenauflauf.

Im Urban Outfitters Shop sprangen mir Bücher mit aufmunternden Titeln ins Auge. Das konnte kein Zufall sein und war sicher ein Zeichen von oben- Es kann nur besser werden, Ute! Halte durch. Nach Regen folgt Sonnenschein. Alles wird gut.

Vorbei an unzähligen Restaurants, Cafés und hauptsächlich unbrauchbaren Shops saß ich kurze Zeit später völlig reizüberflutet und durchnässt auf meinem Hotelbett. Immerhin habe ich nach vier Tagen in einer Großstadt ein Teil gekauft: Ein Fläschchen Nagellack von American Apparel in der Farbe Peacock (dunkelblau-türkis) für 6$. Einen Vorteil hat das Ganze, es spart Geld…

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