Brasilien

Jericoacoara – Parnaiba – Sao Luis

Wie bereits erwartet konnte ich mich gestern Nacht nicht mehr zum Ausgehen aufraffen. Um drei Uhr klopfte es dafür mehrfach und unaufhörlich an meine Zimmertür, bis sich nach dem Öffnen der Tür herausstellte, dass sich eine betrunkene Frau in der Tür geirrt hatte. Brasilianern ist so etwas allerdings nicht peinlich, sie sagen nur sorry und damit ist das Thema abgehakt. Auch in Sachen Rücksichtnahme sind die Brasilianer nicht gerade Meister, was sich eine Stunde später durch lautes Gestöhne im Nachbarzimmer bemerkbar machte und über eine Stunde anhielt. Immerhin scheinen die Brasilianer ja relativ potent zu sein.

Gerädert von den nächtlichen Erlebnissen wartete ich um 7 Uhr auf meinen Transfer nach Parnaiba. Der Transport für insgesamt 70 R$ (30 €) würde in zwei Teilen stattfinden: der erste mittels Geländewagen den Strand entlang bis zum Ort Camocim (ca. 2 Std.) und im Anschluss daran mittels lokalem Bus von Camocim nach Parnaiba (ca. 4 Std.).

Auf der Weiterreise von Camocim im lokalen Bus sitzend machte ich alsbald einige neue Feststellungen: Hier werden keine Fahrkarten verkauft – das meiste läuft nach Willkür und Ermessen des Fahrers ab. Er hält an teilweise unerklärlichen Stellen, lässt sich andernorts mit Kaffee oder Wasser bewirten oder hält unterwegs einen Plausch mit einem Bekannten, gerne auch mitten auf der Straße. Das ist Brasilien! Immerhin brachte mich der Bus aber bis vor die Haustür meiner Unterkunft.

Parnaiba BlogDie Tür wurde von einem mürrischen, wortkargen Besitzer geöffnet, der mir die Schlüssel für mein Zimmer in die Hand drückte und mit den Worten „Wenn was is, ich bin da hinten“ verschwand. Das „Chalet“ hat zweifelsohne schon bessere Zeiten gesehen. Beim Anblick des muffigen Zimmers war meine bisherige Idee, am nächsten Tag eine Tour in das Parnaiba Delta zu unternehmen, sofort gestorben. Schnell suchte ich den Mittfünfziger gleich nochmal in seinem dunklen Speisesaal auf, um die weiteren Details abzuklären.

Gerade mit Fußballgucken und Mittagessen beschäftigt, erhob er sich zähneknirschend und rief jemanden an, der mir das Busticket für heute Abend vorbeibringen würde. Wenigstens das war nun schon einmal in trockenen Tüchern. Da blieben nun nur noch die Themen Nahrungsaufnahme und Internet. Beides wurde von Robert kurz beantwortet: „Essen haben wir hier nicht, da musst du schon in den Ort rein. Und das wird heute wegen Aschermittwoch schwierig werden, da hat kaum was auf!“, sagte er, während ich auf seinen vollen Teller starrte. „Und für Internet musst du da draußen mal schau’n – aber ob der Laden auf hat, weiß ich nicht.“ Es ließ sich nicht vermeiden, dass sich in meinem Kopf ein böses Schimpfwort für diesen arroganten Typen breit machte!

So begab ich mich nun auf einen etwa halbstündigen Fußmarsch in der heißen Mittagssonne in den Ort, um etwas Essbares zu finden. In einem kleinen Imbiss würgte ich mir zwei große mit Schinken und Käse gefüllte Teigtaschen runter. Das würde erstmal reichen, bis ich aus dieser Schweizer Höllenbude verschwinden würde. Parnaiba ist übrigens kein Ort, den man einmal gesehen haben muss. Jedenfalls ist mir nichts Bemerkenswertes aufgefallen. Bis zu meiner Abfahrt versuchte ich nun, die Zeit in meinem herunter gekommenen Zimmer mit Schlafen oder an die Decke starren totzuschlagen. Zum Abschied brachte der Brummbär sogar noch ein „Gute Reise“ über die Lippen, bevor er sich wieder in seinen dunklen Speisesaal zurückzog.

Busbahnhöfe sind mir in vielen Entwicklungsländern ein Grauen, da sich dort oft seltsame und halbseidene Menschen aufhalten und ich mir meines Gepäcks nicht sicher sein kann. Das war hier in Parnaiba anders, wodurch ich gelassen auf meinen Nachtbus wartete, der um 20:30 Uhr in Richtung Sao Luis abfahren würde (Kosten 73 R$, viajeguanabara.com.br). Ich hatte mit etwa 12 Stunden Fahrt gerechnet und war daher überrascht, als der Bus bereits nach acht Stunden – um halb fünf morgens – in Sao Luis einfuhr. Gott sei Dank hatte ich warme Sachen für die Busfahrt eingepackt, sonst wäre ich wahrscheinlich durch die Kälte der Klimaanlage erfroren!

 

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