Wie würde es wohl sein, das Zentrum des Baltikums? Auf diese Frage hoffte ich auf dem Weg entlang der Ostseeküste bald eine Antwort zu wissen und verließ den beliebtesten Ferienort Palanga in Litauen mit dem ersten lettischen Ziel nach Überquerung der Grenze: Liepaja, eine alte Hafenstadt, die laut Reiseführer ein eigenartiges und somit vielversprechendes Kultur-, Architektur- und Militärerbe vorzuweisen hatte.

Das regnerische Wetter der vergangenen Wochen verlieh den Stränden in Lettland einen rauen, wilden Charakter. In Liepaja angekommen, entschied ich mich für den Besuch des ehemaligen Kriegshafen-Gefängnisses Karosta – es ist das einzig besuchbare Militärgefängnis in Europa, in dem man darüber hinaus sogar für 15 Euro/Nacht (nach vorheriger Anmeldung) übernachten kann. Die einstündige Führung des schauspielerisch talentierten Guides durch die Gebäude mit authentisch gekleidetem Personal sollte man sich nicht entgehen lassen.

Die Gegend hier war völlig anders als das, was ich bisher vom Baltikum im malerischen Litauen kennengelernt hatte: Eine graue Plattenbau-Tristesse, verlassene Häuser und Garagen mit farbigen Toren säumten die Straßen. Dies war offensichtlich die etwas andere Seite der Stadt, die sich auf dem Weg zurück Richtung Strand wieder in zum Teil schmucke Villen und Residenzen ins Positive verwandelte.

Auf der Hälfte des Weges in die Hauptstadt hielt ich in dem eher unscheinbaren Ort Broceni, in dem ich wieder in die bereits seit Polen gewohnte, üppige Natur eintauchte: Seen, kleine Holzhäuser und Wälder mit dicht aneinander gereihten Bäumen. Der Reiseführer empfahl mir noch den Besuch der nordwestlich gelegenen Stadt Kuldiga (bekannt für ihre außergewöhnliche Backsteinbrücke) sowie das Barockschloss Rundale mit Lettlands größter Rosenkollektion, das leider beides nicht auf meiner Route nach Estland lag.

Der nächste Stopp galt dem populärsten Küstenkurort des Baltikums. Die Stadt Jurmala liegt nur ca. 25 km von Riga entfernt und ist nicht nur für ihre Heilstätten, Spas und Kurbehandlungen bekannt, sondern bietet auch eine sehr außergewöhnliche Holz- und Jugendstil-Architektur. Abgesehen davon gibt es einen 26 km langen Strand, der mit weißem Quarzsand bedeckt ist. Kurzum: Hier lässt es sich sehr gut aushalten!

Den Strand erreicht man über schattige Waldwege, die gleichzeitig in die Fußgängerzone der Stadt im Ortsteil Majori führen. Hier kann man sich auf der belebten Flaniermeile in einem der vielen Restaurants und Cafés niederlassen und bei einem Kaffee oder kühlen Bier (Aldaris oder Cesu) das bunte Treiben auf sich wirken lassen.

Bereits seit dem Besuch der spannenden Hauptstadt Litauens war für mich klar, dass ich den drei Hauptstädten des Baltikums zu einem anderen Zeitpunkt mal in einer in sich geschlossenen Reise mehr Aufmerksamkeit schenken wollte und mich bei dieser Tour mehr auf die Natur konzentrieren würde.

Also winkte ich Riga bei der Durchreise nur einmal kurz zu und machte mich auf den Weg zum Gauja Nationalpark im Norden des Landes. Im Ort Ligatne gibt es beliebte Naturwege, einen geheimen, unterirdischen Bunker sowie sehenswerte Arbeiterbaracken einer Papierfabrik. Mich verschlug es allerdings nach Cesis, wo ich einen sehr schönen Campingplatz mit atemberaubender Aussicht bei dichtem Morgennebel ausfindig machen konnte.

Bei einer Fahrt durch das Baltikum wird man auf zahlreiche Kriegsgräber des ersten und zweiten Weltkrieges stoßen. Den deutschen Soldatenfriedhof in Cesis (1941, 1944) fand ich besonders fotografisch sehenswert, wenngleich er bei Nebel und Regen eine unheimliche Stimmung verbreitete.

Mein Fazit zu Lettland:

Wahrscheinlich könnte ich die gleiche Route nochmals fahren und würde dabei dennoch völlig andere Eindrücke als die bisherigen gewinnen. Dieses Land lässt sich nicht in eine Schublade stecken, was ich sehr besonders und zugleich äußerst spannend finde. Man wird permanent mit Gegensätzen konfrontiert, die immer wieder zum Nachdenken und -lesen anregen: Beeindruckende Sommerresidenzen vs. Plattenbauten aus der Sowjetzeit, Märchenschlösser und -burgen vs. zerfallene Bauten aus grauer Vorzeit, unberührte Natur in ehemaligem Militärstützpunkt, um nur einige Kontraste zu nennen. Nach Besuch aller drei baltischen Länder hat mir Estland und Litauen zwar besser gefallen, aber ich würde die Tour durch dieses Land dennoch keinesfalls auslassen!

 

Allgemeine Reisetipps:

  • Top 10 Orte lt. Reiseguides: Schloss Rundale, Altstadt von Riga, Basilika von Aglona, Kurortstadt Jurmala, Nationalpark Gauja/Ligatne, Kuldiga, Museumsreservat Turaida-Sigulda, Cesis, Liepaja, Ventspils
  • Anfahrt: Wenn man den weiten Weg ins Baltikum nicht komplett mit dem Auto antreten möchte, kann man sich mit der Autofähre z. B. von Kiel nach Litauen über Nacht bringen lassen (mehr Infos dazu in diesem Artikel). Es gibt auch eine Fähre von Travemünde nach Liepaja. Die von mir gewählte Route würde ich bei einer nochmaligen Reise wahrscheinlich noch um den Hafenort Ventspils ergänzen.
  • Baltikum-Hauptstadt-Hopping für diejenigen, die nicht so viel Zeit haben und sich auf Kunst, Kultur und Shopping konzentrieren möchten. Lässt sich recht einfach organisieren, indem man einen Hinflug nach Vilnius und einen Rückflug von Tallinn (oder umgekehrt) bucht. Es gibt viele Busveranstalter und Touren, die man einfach und recht günstig buchen kann, um die Hauptstädte und evtl. auch umliegenden Sehenswürdigkeiten anzufahren, ohne sich selbst ein Auto mieten zu müssen.
  • Währung: Euro
  • Sprache: Lettisch, mit Englisch kommt man sehr gut weiter
  • Flughafen: Riga (erreichbar von Berlin, Bremen, Düsseldorf, Frankfurt, Hannover, Hamburg)
  • Strom: 220 W

Tipps für das Reisen mit Auto oder Wohnmobil:

  • Es gilt auch tagsüber Licht-Pflicht. Kein Telefonieren während der Fahrt. Promillegrenze liegt bei 0,2%.
  • Benzin ist etwa 20-30 Cent günstiger als bei uns.
  • Auf camping.info werden fast alle relevanten Plätze angezeigt, Reservierungen auf Campingplätzen sind nicht notwendig.
  • Hund: Chip erforderlich, EU-Heimtierpass mit Tollwut-Impfung
  • Alternativen zu Camper, Wohnwagen oder Zelt: Viele Campingplätze verfügen über kleine Hütten oder Häuschen zu günstigen Preisen.
  • Die meisten Campingplätze verfügen über WLAN (kostenfrei).
  • Einkaufen: Es gibt kleine Supermärkte unterwegs; Light- oder Bio-Produkte sowie zuckerfreie Getränke gibt es nur selten.
  • Sicherheit: Ich würde dieses Land als sehr sicher einschätzen.
  • Gute Campingplätze: Radi in Broceni, Camping Jurmala, Alpakans in Cesis.

 

Meine Route durch Lettland:

 

Hilfreiche Reiseführer:

 

Total
240
Shares

10 Kommentare

    1. Hallo liebe Jessica,
      vielen Dank für deine Meinung. Ich bin mir nicht sicher, ob du das ernst meinst, aber es bestätigt immerhin meine Annahme, dass jeder dieses Land vollkommen anders wahrnimmt. Plattenbauten gibt es wahrscheinlich in fast jedem Land, dennoch dürfte das Ausmaß anders sein. Und abgesehen davon, dass allein die Bevölkerungsdichte zu Deutschland nicht klaffender sein könnte (bei uns 226/qkm, in Lettland 36/qkm) und dieses Land allein schon deshalb wesentlich ruhiger und anders wirkt, wird man in Deutschland vieles weder sehen noch kennen. Besonders die Architektur und historischen Bauten sind in vielen Regionen andersartig: Die vielen Holzhäuser im Neoklassizismus oder Jugendstil gibt es bei uns überhaupt nicht und fand ich definitiv sehenswert. Die Menschen sind anders, das Essen… also da gibt es so einiges, was sich von Deutschland sehr stark unterscheidet :)

  1. Liebe Ute, ich verfolge deinen Blog schon lämger und bin ganz begeistert, dass du nun das Baltikum erkundest! Wir wollen dieses Jahr endlich auch dorthin reisen und suchten gerade nach Inspiration und guten Tipps. Wie immer großartige Fotos, viele hilfreiche Infos und ein sehr angenehmer Schreibstil, vielen Dank dafür! :-)

    1. Hallo liebe Laura,
      wie schön, dass ihr auch das Baltikum bereisen wollt! Jetzt – wo ich den Süden mal ein wenig erkunden konnte – finde ich den ganzen Norden noch viel besser, weil er einfach noch nicht so touristisch ist und man viel mehr Weite, Natur und authentisches Leben genießen kann. Der nächste Artikel wird über Estland sein – mein liebstes Land im Baltikum. Wünsche euch eine superschöne Reise und alles Liebe, Ute

  2. Ach schön, dass es nun weiter geht mit deinem Reiseberichtes durch das Baltikum. Schon deine Anreise durch Polen hat mich sehr inspiriert. In gut einer Woche geht es bei uns nun auch los auf unsere erste Reise mit Camper und Hund Richtung Polen. Erst mal nur 14 Tage zum Ausprobieren, da ich noch mit ein paar Vorurteilen bezüglich Camping zu kämpfen habe. Wenn uns aber die Art des Reisens gefällt würde mich das Baltikum sehr reizen. Toller Bericht und interessante Eindrücke über eine spannende Region.
    Liebe Grüße von Andrea

    1. Hi Andrea,
      oh, dann ist es jetzt wohl soweit, dass es los geht bei euch! Camping in den nördlicheren Ländern ist größtenteils sehr natürlich, ohne Rummel und Klischees. In Polen ist es lediglich an den beliebten Ostsee-Stränden in den Schulferien voll, von daher dürftet ihr jetzt noch Glück haben. Eine ganz tolle Reise und viel Spaß!! Ute

    1. Hallo liebe Chantel,
      freut mich sehr, denn ich selbst bin mittlerweile lieber in den Ländern unterwegs, die noch nicht so touristisch und populär sind. Finde es schön, noch Neues entdecken zu können. Bald folgt mein Artikel über Estland, das war mein liebstes Land im Baltikum – wenn auch das entfernteste. Vielleicht schaust du dann auch mal rein.
      Viele Grüße zurück, Ute

  3. Servus Ute,

    danke für den netten Bericht und die schönen Fotos!

    Wir, das sind meine Frau Gaby, unsere 3-jährige Tochter Manuela, unsere 13 Jahre alte Hündin Momo und ich, sind seit gut 15 Jahren Camper aus Leidenschaft und schlafen meist dort, wo es uns gefällt, d.h. frei stehend. Und gerade das ist im Baltikum sehr einfach.

    2015 waren wir in Litauen, wollten eigentlich alle drei Länder bereisen, haben aber dann nach 2 Tagen festgestellt, dass wir in Litauen bleiben und die beiden anderen baltischen Länder extra erkunden wollen. Wir haben es nicht bereut und sind auch nach 2 Jahren immer noch begeistert.

    In 2 Wochen ist es bei uns wieder so weit, es geht diesmal nach Lettland. Ich weiß noch keine genaue Reiseroute, lasse mich auch oft während der Fahrt inspirieren, werde aber heuer sehr auf unsere jüngste Reiseteilnehmerin eingehen, Aquaparks, Märchenwald und ähnliches :-)

    Vielleicht melde ich mich danach hier nochmals, mit unseren Reiseeindrücken durch Lettland.

    Liebe Grüße aus dem österreichischen Weinviertel, … Helmut

  4. Der Artikel über Lettland hat mich neugierig auf das Land gemacht. Als ich die Bilder auf dem Blog gesehen habe, merkte ich erst, dass Lettland auch am Meer liegt und wunderschöne Seiten hat. Ist vielleicht mal eine Reise wert; auch wenn ich etwas Angst hätte, mich vor Ort nicht ausreichend verständigen zu können. Schließlich kann ich nur Deutsch und einige, wenige Fetzen Englisch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*