Kanada

Viertel-Check in Vancouver

Tag 2: Gestern um 21 Uhr eingeschlafen und heute seit 4.30 Uhr morgens hellwach. Und wieder ein teurer Latte Macchiato und ein unwiderstehliches, saftiges Banana Bread. Am Ende werde ich  mein ganzes Geld bei Blenz Coffee gelassen haben, aber was soll’s.

Aus einem der Infohefte des Visitor Centers namens „Vancouver Official Visitors‘ Guide“ habe ich mir die Empfehlungen für die besten Neighbourhoods und Must-See Attractions herausgetrennt. Von 20 Plätzen habe ich bisher nur zwei gesehen; das heißt jetzt nicht, dass ich die weiteren 18 auf Teufel komm raus besichtigen muss, aber einige sollten in jedem Fall schon noch dabei sein.

Das vermeintlich hippe und nahe gelegene Yaletown, in dem aus umgebauten Industriehallen Restaurants und Kunstgalerien geschaffen wurden, wollte ich gerne als erstes ansteuern. Als nächstes bot sich Granville Island, ein Einkaufs- und Kulturviertel im Südwesten an, das für seinen öffentlichen Markt und Handwerkskunst bekannt ist. Der Rest würde sich dann ergeben…
 
Das Wetter ist auch heute wieder bescheiden, aber das war ja bekannt. Von meinem Hotel auf der Burrard Street brauchte ich nach wenigen Metern links in die Davies Street abzubiegen und gelangte schon kurze Zeit später zu meinem ersten Ziel. Die drei Hauptstraßen Yaletowns sind Homer St., Hamilton St. und Mainland St.; hier liegt auch eine Skytrain-Station „Roundhouse“. 
Wenn man die Davies Street weiter runter geht, fällt auf der linken Seite ein riesiger Supermarkt auf: Urban Fare. Knalliges, fast unecht wirkendes Obst und Gemüse lacht einen aus Körben und Regalen an und auch alles andere ist perfekt und ordentlich aufgestellt. Dazu gibt’s ein trendy Café, das angesichts der vielen Gäste auch gutes Essen anzubieten scheint. Mit meiner Mahlzeit wollte ich jedoch bis Granville Island warten, da es dort frischen Fisch geben soll. 

Somit stand ich schon kurze Zeit später im Hafen Yaletowns mit zum Teil nicht gerade dezenten Booten, die hier im False Creek lagen- einem Meeresarm, der aufgrund seiner geringen Breite von zwei Kilometern eher einem Fluss gleicht und seinem Namen (übersetzt: falscher Bach) daher absolut gerecht wird. 

Die beiden Fähr-Unternehmen „False Creek Ferries“ und „Aquabus“ bedienen insgesamt neun Anlegestellen ganztägig im Abstand von 15 Minuten. Die Kosten für eine Fahrt liegen zwischen 3,50 CAD und 5,50 CAD, aber es gibt auch Tagestickets für 15 CAD (12 Euro) zum unbegrenzten Ein- und Aussteigen. 

Und so ging es mit dem Aquabus in einer etwa 15-minütigen Fahrt nach Granville Island. Ein wenig schneller hätte das kleine Gefährt meines Erachtens schon sein können, aber ich hatte ja keine Eile. Auf dem Weg fielen wieder die vielen Glasfassaden auf, die den Fensterreinigern in Vancouver langfristige Arbeitsplätze zusichern dürften.

Auf dem Holzsteg der Halbinsel angelangt, stolperte ich direkt in den Public Market. Eine riesige Markthalle mit Fressbuden, Obst- und Gemüse-Händlern und nicht zuletzt vielen kleinen Handwerks-Ständen, wo man sich fleißig auf Halloween und Weihnachten vorbereitet.

Ich entschied mich für den Anfang für eine Pumpkin-Gemüse-Suppe, die meine Frischfisch-Lunch-Planung allerdings jäh zerstörte, weil ich danach über viele Stunden keinen Hunger mehr hatte.

Sänger, Gitarristen und auch ein Tauben fütternder Mann, der besonders für viele asiatische Touristen eine Attraktion darstellte, sorgen am Pier für Unterhaltung. Nachdem ich mich auf einer der Bänke in Taubenkacke gesetzt hatte, war meine Freude über die Vögelchen allerdings deutlich reduziert. 
Die Möwen hier wirken viel größer als die, die ich kenne. Sie sind relativ zahm und echt ganz niedlich…

Die Musik, die man im Hintergrund des Möwen-Videos hört, fand ich echt klasse. Auch, wenn man von einer Open-Air-Akustik und der Urlaubsstimmung gern zu einem Kauf verleitet wird, über den man sich nachher ärgert, habe ich allen Vorurteilen zum Trotz hier nun zum ersten Mal in meinem Leben für 15 CAD die CD eines „Straßensängers“ – der zudem auch noch ganz gut aussah – gekauft: Stephen Spender. Ich habe zwar nicht so viel Ahnung von Musik, aber meines Erachtens schien der talentiert zu sein.

Während des Suppen-Genusses entschied ich mich als nächstes Ziel für das Viertel Kitsilano auf der W 4th Avenue, das ich gen Westen zu Fuß erreichen könnte. Dort sollte es Vintage-Shops mit einem Hauch der 60er Hippie-Zeit geben; ein Viertel mit „Boheme-Style“, wie es in einem Reiseführer beschrieben wird.

Man muss sich in dieser großen Stadt erst einmal daran gewöhnen, dass sie nicht so überfüllt ist, wie man es von New York oder anderen Metropolen kennt. Am Sonntag hatte ich gedacht, dass dieses Phänomen tagesbezogen sei, aber der heutige Tag war nicht anders. Eine an sich schöne Tatsache, denn auf diese Weise fühlt man sich nicht so sehr als klassischer Tourist und kann sich ohne Hektik und Gedränge überall frei bewegen.

Nach ca. 15 Minuten Fußmarsch auf der 4th Avenue West angekommen, warte ich vergeblich auf gute Shops. Dann endlich, der erste brauchbare Laden: moulé- Klamotten, Geschenke, Ausgefallenes, Schmuck und Kindersachen.

Es folgten viele weitere Enttäuschungen in Form von unbrauchbaren Geschäften. Viele Läden mit komischer Kleidung und nur wenige Cafés, die wirklich einladend wirkten. Dazwischen ab und an mal ein American Apparel- oder Urban Outfitters-Shop, aber das war es auch schon. Nach diesem zugegebenermaßen etwas frustrierenden Kitsilano-Ausflug stellte sich jetzt die Frage, wie es weiter gehen sollte.

Taxen fallen hier als weiteres Phänomen auf – man bekommt unterwegs einfach keins! Sie stehen zwar Downtown vor größeren Hotels, aber ein Taxi auf der Straße anzutreffen, das man heranwinken und buchen kann, ist nahezu ausgeschlossen. Also musste ich zurück zur Ferry Station auf Granville Island, um dort Richtung Osten zum Chinatown zu kommen. Noch einmal Public Market zum Aufwärmen und Planen der nächsten Schritte. Die Station ‚Science World‘ würde mit der Fähre die nächstgelegene Anlegestelle zum Chinatown darstellen und hätte den Vorteil, dass ich auch diese Sehenswürdigkeit zu Gesicht bekommen würde.

Das ursprünglich zur Expo 1986 erbaute Gebäude thront wie ein überdimensional großer Golfball am südöstlichen Ende des False Creek und dient heute mit seinen 17 Stockwerken als Museum für die Vermittlung der Grundlagen der Naturwissenschaften. Da es inzwischen schon 16 Uhr war und die Dämmerung einsetzte, würde ich mir den Besuch und somit knapp 20 CAD Eintritt sparen und mich Richtung Chinatown begeben. In diesem Bereich rund um die Main Street sind massive Bauarbeiten zugange. Hier ist es jetzt nicht mehr so sauber und aufgeräumt wie bisher, Müll säumt Rasenflächen und Straßen. 

Der Beginn des Chinatowns auf der Main Street ist unverkennbar. Geschäfte mit chinesischen Schriftzeichen weisen markant auf die Identität des Viertels hin. Für den empfohlenen Chinese Garden reichte meine Zeit leider nicht aus und auch die Gegend wurde ab Ecke Hastings Street unerwartet komisch. Leider hatte ich den Hinweis im Reiseführer nicht gelesen, dass dies der soziale Brennpunkt Vancouvers ist: Obdachlose, Alkoholiker, Junkies und durchgeknallte Freaks waren hier in beeindruckend großer Anzahl versammelt. Typen und auch Frauen saßen auf den Bordsteinen, lallten, schrien, prügelten sich, kotzten in Mülltonnen, rauchten Joints- und Ute mittendrin!

Und so sah ich zu, dieser Gegend schnellstmöglich den Rücken zu kehren. Auf dem Weg zurück beobachtete ich eine Krähe, die sich in einer Gasse von den Eingeweiden einer platt gefahrenen Ratte ernährte. Wo war ich hier nur hingeraten? Irgendwie hatte ich vor meiner Reise ein Bild von der Stadt Vancouver im Kopf, das einer Nr. 3 der lebenswertesten Städte der Welt gerecht wird. Natürlich hat jede Großstadt auch ihre dunklen Seiten, aber trotzdem passte das alles für mich nicht zusammen.

Auch jetzt war natürlich wieder kein Taxi in Sicht. Meinen Reiseführer hatte ich nicht dabei (ein Nachteil des hohen Gewichtes eines 750-Seiten-Schinkens) und wollte bei der eingetretenen Dunkelheit kein weiteres Risiko eingehen, wodurch ich mich zu meinem Anhaltspunkt „Golfball“ zurück begab und mit der Falls Creek Fähre wieder nach Yaletown fuhr.

Durchgefroren und irgendwie glücklich warf ich in mich meinem Hotel auf’s Bett. Glücklich nicht nur, weil ich diesen düsteren Ort Main Street Ecke Hastings heil überstanden hatte, sondern auch, weil ich mein inzwischen drittes Banana Bread genüsslich vertilgte. 

Auf der Besichtigungs-To Do-Liste kann ich nach dem heutigen Tag immerhin einige Häkchen setzen. Durch das schlechte, regnerische Wetter machen einige Unternehmungen wie der große Stanley-Park, der Vancouver Lookout oder auch die Capilano Suspension Bridge weder Lust noch Sinn. Hoffen wir mal, dass es in den nächsten Tagen etwas Sonne gibt. Die anfangs positive Wettervorhersage zum Ende dieser Woche hat sich jedenfalls verändert- und das leider nicht zum Guten.

 

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2 Kommentare

  • Antworten
    Janett
    17. September 2014 um 8:58

    Hi,
    ich bin jetzt erst auf deine Seite gestoßen.
    Ich finde deine Bilder sehr toll und auch deine entspannte Art, die Dinge zu beschreiben. Allerdings finde ich besonders diesen Beitrag doch seeehr subjektiv. Vielleicht mögen andere ja diese Läden, an denen du naserümpfend (ich übertreibe einfach mal ;-) ) vorbei gehst.
    Und Vögel, die töte Tiere auf der Straße anpicken gibt es auch in Deutschland. Genauso Ecken, in denen man sich auch tagsüber nicht rumtreiben möchte. Sowas bringen Großstädte nunmal mit sich.
    Aber das ist meine Meinung ;-)
    Trotzdem finde ich deine Beschreibungen sehr schön, wo man langläuft und was man sieht.
    VG
    Janett

  • Antworten
    Ute
    18. September 2014 um 4:57

    Hallo Janett,
    vielen Dank für deinen Beitrag. Eines der wesentlichen Grundlagen eines Blogs liegt darin, dass er aus persönlichen und demzufolge auch subjektiven Eindrücken besteht. Ein Blog ist kein Reiseführer, der nur die tollen Seiten einer Stadt beschreibt und das Negative unter den Teppich kehrt. Eindrücke hängen auf Reisen von zig verschiedenen Faktoren ab und das wurde in meinem Fall sicher auch von einer etwas unglücklichen Jahreszeit beeinflusst.
    Ich habe noch nie in einer Großstadt eine derart große Zahl von Obdachlosen und Junkies gesehen und diesen Eindruck fand ich ebenso außergewöhnlich wie erwähnenswert. Und dass mir vielleicht Geschäfte nicht gefallen, die andere mögen würden, sollte dich nicht stören, denn wie gesagt – ein persönlicher Blog enthält persönliche Eindrücke, und das waren nun mal meine.
    Viele Grüße
    Ute

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