Wenn ich nochmal 20 wär, würd ich einiges anders machen.
Es gibt nur das eine Leben und da würd ichs krachen lassen.
Ich würd nach Asien reisen,
an Garküchen wildes Zeug verspeisen,
auf kleinen Inseln in Hängematten chillen
und mit neuen Freunden selbst gefangne Fische grillen…

In Indien würd ich mir ein Tattoo stechen lassen
und hoffen, es wird schon irgendwann verblassen.
Auf der Weiterreise nach Australien würd ich mir ein Surfboard schnappen,
irgendwann wirds schon klappen mit den fetten Wellen,
und ich scheiß auf die Dellen an meinen Beinen,
vielmehr bringt mich der Abschied von meinem neuen Freund zum Weinen.
Als ich dann im Flieger Richtung Heimat sitze,
denke ich sehnsüchtig zurück an die Ritze,
in der ich betrunken zwischen zwei Freundinnen lag
und nie vergessen werde den Tag,
an dem wir zu dritt diesen kleinen Club unsicher machten,
in dem uns zahlreiche Männer anmachten.

Während des Studiums säß ich mit Büchern und Freunden im Park,
obwohl im Kühlschrank verschimmelt der Quark
in der WG, in der ich wohne
und mich interessiert nicht die Bohne,
was auf meinem Konto abgeht, denn irgendwann werd ichs schon richten,
wenn ich fertig bin mit dem Verrichten aller Klausuren und Blessuren,
die mich fast in den Wahnsinn treiben,
aber zum Glück nicht für immer bleiben.

Wenn ich nochmal 20 wär,
würd ich mit coolen Freunden auf Festivals campen
und danach bis nach Ostfriesland trampen,
wo mir der krasse Wind um die Ohren braust,
der mein langes Haar zerzaust.
Ich würd ohne Sachen in die Nordsee springen,
am Strand mit Kopfhörern im Ohr laute Lieder singen
und danach den Sand verfluchen,
der sich in meinen Ohren breit gemacht
und meinen Freund zum Lachen gebracht.

Wir würden unser Zelt am Strand aufbauen,
am nächsten Morgen vom Bauern Hühnereier klauen
und am Lagerfeuer verbotne Kräuter in Zigaretten pressen,
die uns bringen das große Vergessen,
dass diese unbeschwerten Zeiten
uns bald in die Arbeitswelt geleiten,
die nicht wird werden angenehm,
weil wir zwar leben einigermaßen bequem,
aber Termine, Druck und Stress uns viele Probleme bereiten,
die es schwer machen werden, unseren Alltag glücklich zu bestreiten.

Wenn ich nochmal 20 wär,
würd ich mir die schönsten Männer aussuchen
und vielleicht die Qual der Wahl verfluchen,
die mir dabei beschert, denn was ist schon schöner als ein Flirt
mit einem super Typen, mit coolem Shirt und Dreitagebart,
der mich in der Nase kitzelt, wenn man sich dann paart
mit all den Illusionen und Hormonen,
die sich in voller Vielfalt in meinem Kopf ausbreiten
und Engelchen und Teufelchen sich auf meinen Schultern streiten,
ob es wirklich der Richtige ist
oder ob man ihn lieber wieder schnell vergisst.

Es ist und bleibt ein ewiger Kampf mit dem Gewissen,
denn zu viele Männer auf dem Konto gehabt zu haben klingt beschissen
und dennoch möcht ich nen tieferen Einblick in die Männerwelt gewinnen,
um am Ende nicht tief innen drinnen
das Gefühl zu haben,
sich nur an einem gelabt zu haben,
der im Bett ne echte Niete war
und am Ende ist doch allen klar
– was andere über mich denken,
sollte nicht prioritär mein Leben lenken.

Daher würd ich kurze Röcke tragen
und das ohne Unbehagen,
ich würd mir die Nägel bunt lackieren
und damit meine Mutter schockieren
und wieder eine Reise planen, die mich weit weg bringt
in das Land der Spartanen,
um zu lernen wie es geht,
das Leben in der weiten Welt mit wenig Geld.
Denn was bringt das ganze Streben
nach einem luxusorientierten Leben,
wenn es uns die Zeit und die Gesundheit raubt,
die man sich mit dem hart verdienten Geld zu kaufen können glaubt.

Wenn ich nochmal 20 wär,
das mag jetzt kindisch klingen,
würd ich in Gummistiefeln wild durch große Pfützen springen
und mit nassen Klamotten allen Warnungen strotzen,
es könnte eine Grippe geben,
denn wer nicht wagt,
der nicht gewinnt
und, wenn alle denken »die spinnt«
– am Ende werden es genau die Momente sein,
die sich in mein Hirn einbrennen,
mit denen ich später werde erkennen,
dass es ne geile Zeit war, so verrückt und unbeschwert,
das alles war ganz sicher nicht verkehrt.

Ich selber hab das alles viel zu spät gecheckt
und inzwischen einen Plan ausgeheckt,
wie ich manches nachholen kann.
Es wird ein wenig anders werden
als das verpasste Lotterleben,
das ich mir rückblickend so gewünscht hätt,
aber ich weiß, das jetzt wird auch echt fett.
Denn ich mach bald nur noch, was ich will
und das gibt mir den totalen Thrill,
alles aufzugeben und reinzuspringen ins wahre Leben,
das ohne ständiges Kaufverlangen
und anderen Belangen endlich das bereithält,
was eigentlich zählt.

Deswegen mein Rat an all die Jungen,
die noch so viel vor sich haben und meinen,
um nach dem großen Erfolg zu streben,
müssten sie viel Zeit an ein Büro vergeben:
Genießt die Zeit,
bevor es irgendwann ist soweit,
dass ihr einsehen müsst,
ihr habt die ganze Zeit nur euer Büro statt einen Mann geküsst.

 

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29 Kommentare

  1. Liebe Ute,
    Dein Artikel macht mich traurig und fassungslos zugleich! Jedes Alter hat seine schönen Zeiten. Ich bin sooo froh, nicht mehr 20 zu sein. Ich bin auch sehr froh und dankbar, dass ich das Aussteigen und Rucksackreisen erst mit Mitte 30 kennen gelernt habe. Da habe ich so viel mehr gesehen und erlebt als all die jungen Leute, deren Ziel es war, in einem halben Jahr mindestens 5 Länder zu bereisen. Und was habe ich danach noch alles erlebt! Einen Job zu haben, der einen ausfüllt und zufriedenstellt, ist ein großes Geschenk. Halbwegs gesund dem Alter entgegen zu blicken, hin und wieder zu reisen, aber auch Zuhause Glück und Zufriedenheit zu kennen, das sind Dinge, die ich nicht missen möchte. Mögest Du eines Tages erkennen, dass das „wahre“ Leben nur in einem selbst existiert – unabhängig davon, wo man ist und ob man reist oder nicht. Es scheint mir, dass Freiheit immer gerade da ist, wo man selbst nicht ist. Aber das stimmt nicht! Freiheit ist überall – auch hier. Liebe Grüße und viel Spaß!
    Ulrike

    1. Hi Dajana,
      das freut mich, sehr cool! Das sehe ich ganz genauso :) Bin gespannt, wie es dir ergeht!
      LG, auch an diesen süßen Vierbeinigen!
      Ute

  2. Bereue nichts! Dein Weg hat Dich zu dem Punkt geführt an dem Du heute bist. Ich finde es großartig was Du tust! Das mit dem Gummistiefel in Pfützen springen, habe ich erst in meinen 30igern begonnen ;)

  3. Ich weiß gar nicht so genau ob ich unbedingt nochmal 20 sein möchte. Aber ich bin saufroh, den Großteil all dieser grandiosen Sachen erlebt zu haben. Natürlich ist es niemals zu spät für Verrücktheiten. Aber ich glaube man erlebt sie mit 40 nun mal einfach nicht mehr so wie mit 20. Einfach weil man zu erwachsen und vernünftig geworden ist. Trotzdem: hau rein, liebe Ute!! Büro küssen zahlt sich niemals aus. Besser spät erkennen als nie. GlG aus Schottland, Nadine

    1. Hey Nadine,
      Gott sei Dank haben wir ja (hoffentlich) noch genug Zeit, viele schöne und aufregende Dinge zu erleben!
      Liebe Grüße nach Schottland aus der Karibik :)
      Ute

  4. Ach, wie herrlich.
    Ich musste wirklich oft schmunzeln. Wenn ich meinem 20-jähigen Ich begegnen würde, würde ich ihr raten „Sei lockerer, mach Dir nicht so viele Sorgen um alles. Und bitte, bitte versuch es nicht allen recht zu machen“. Schön, dass es nie zu spät ist, verrückt zu sein :-) Und danke für diesen tollen Artikel, der das in Worte fasst…

    1. Hallo liebe Tabitha,
      eine hervorragende Ergänzung! ;) Gott sei Dank leben wir heutzutage lange genug, um das Leben in vollen Zügen auszukosten! Also lass uns verrückte Sachen machen!!
      Liebe Grüße und dank dir für deinen Kommentar,
      Ute

  5. Ich gehe sofort raus. Dieser Text ist so schön und so wahr. Diese Gedanken habe ich jeden Tag im Kopf und habe solche Angst vor einem Leben, gefangen im Büro.

    1. Hi Neni,
      vielen Dank! Auch, wenn man sich durch viel Arbeit vielleicht etwas mehr leisten kann – es lohnt sich nicht, diese schöne Zeit damit zu vergeuden. Viel Spaß da draußen, genieß es ;)
      LG Ute

  6. Absolut toll geschrieben. Wahnsinn wieviele Leute ihr Leben in Büros und hinter verschlossenen Türen verbringen, überzeugt davon, das einzig Richtige zu tun, nichtsahnend, was und wieviel das Leben und die große weite Welt zu bieten haben. Zum Glück habe ich das bereits in meinen Zwanzigern erkannt und seitdem danach gehandelt. Meine Studienzeit genossen, mehrere monatelange Reisen unternommen usw. Ute, du machst alles richtig, genieße es ! Liebe Grüße

  7. Wie wundervoll geschrieben! Und so wahr… Doch ich habe mir die 20 bewahrt, ich springe auch heute noch mit Gummistiefeln in Pfützen, schokiere Menschen mit meinen Haaren oder Klamotten oder campe im Oktober auf ner Insel am Strand :) Es funktioniert auch mit Mitte 30 noch, und ich rate allen es auszuprobieren. Man fühlt sich sooooo lebendig ♥
    Danke für die Anregung, jetzt gehen meine Gedanken gerade wieder auf Reisen ♥
    Alles Liebe und schöne Feiertage wünscht dir
    Kivi
    von
    http://kivi.dreamwidth.org/

    1. Hi Kivi,
      vielen Dank für deinen Kommentar ;) Früher dachte ich auch, dass man mit 40 ne alte Frau ist. Heute – obwohl noch lange nicht dort – merke ich, dass sich außer einer gewissen Reife nichts verändert hat. Gott sei Dank! Freu‘ mich, dass es noch so viele andere gibt, die auch so eingestellt sind! Coole Haarfarbe übrigens, hab‘ ich mir gerade mal angeschaut ;))
      Dir auch noch schöne Feiertage und viele Grüße!!
      Ute

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