Zur entspannten Uhrzeit von 9 Uhr machte sich der Tuktuk-Fahrer mit mir auf den Weg zu der sagenumwobenen Tempelanlage Angkor Wat. Der gesamte Komplex ist wesentlich größer als ich es mir hätte ausmalen können. Es gibt eine kleine und eine große Tour, die man aber nicht nach einem bestimmten Schema abfahren muss. Man kann sie mit dem Fahrrad, Tuktuk oder Auto befahren. Der Eintritt kostet für den gesamten Komplex pro Tag 20 $. Einen Guide kann man sich gegen eine Gebühr auch nehmen, entweder über das Hotel oder direkt vor dem Tempel selbst.

Riesige Menschenmassen strömten in die erste und größte Tempelanlage Angkor Wats, die zunächst von einem großen und ruhigen See umgeben ist. Die Sonne glühte schon zu dieser frühen Stunde auf die Besucher herab und ließ mich schnell in den Schatten des Tempels flüchten. Den durch ein vor Ort erstelltes Passfoto personalisierten Angkor Pass muss man an jedem einzelnen Tempel vorzeigen.

Im Inneren staute es sich teilweise durch Konstruktionen und Renovierungsarbeiten. Überall blitzte das Licht von Fotoapparaten und unentwegt drangen die Auslöser-Geräusche von Kameras in meine Ohren. Kinder stolperten über die zum Teil großen, unebenen Stufen und Asiatinnen waren ständig mit dem Öffnen und Schließen ihrer Sonnenschirme beschäftigt und sorgten dabei für einen perfekten Sitz ihrer bis zur Achsel reichenden Handschuhe.

Wahrscheinlich wäre es ein tolles Ereignis gewesen, zum Sonnenaufgang gegen halb sechs morgens an diesem Tempel für ein unvergessliches Foto aufzuschlagen. Aber das war mir das Schlafdefizit, das ich dadurch bewirken würde, nicht wert. Und so suchte ich mir auf diesem riesigen Touristen-Schlachtfeld meinen eigenen Weg, der tatsächlich einige ruhige und besinnliche Plätze freigab. Mit meinem Plan war ich auch offensichtlich nicht allein, denn an einigen entlegeneren Stellen standen und lagen Ruhesuchende in der Sonne. Mir war trotzdem nicht besonders wohl an diesem Ort.

Die Menschenmassen, die wie ein riesiger Schwarm Termiten über diesen heiligen Ort herfielen und offensichtlich keinen Grashalm stehen zu lassen schienen, nahmen diesem Ort ein wenig die Magie, die er eigentlich versprüht. Ich hatte das Gefühl, dass es den meisten gar nicht um den Tempel selbst geht, sondern lediglich um die fotografische Dokumentation, dass man hier gewesen ist. Am Angkor Wat in Kambodscha!

Nach einer überhitzten Stunde stand ich endlich wieder am Ausgangspunkt und hoffte auf ein entspannteres Weiterkommen. Der nächste Tempel stellte sich als einer meiner liebsten heraus. Der Tempel Bayon ist relativ gut erhalten und beeindruckt durch seine überdimensional großen Gesichter, die von allen Seiten auf einen herabzublicken scheinen.

Auch der Touristenstrom hielt sich ab jetzt in Grenzen. In den Spitzen der höheren Türme verbrachten unzählige Fledermäuse den Tag. Bis auf die Häufchen, die auf dem Boden verteilt waren und wie kleine Bomben von oben herab fielen, konnte man sie zwar im Dunkeln nicht sehen, aber ihre Geräusche waren bis weit außerhalb der Anlage dieses Tempels zu hören und verliehen diesem Ort etwas Mystisches.

Mittlerweile freute ich mich auf die weiteren Tempel, die jeder für sich ziemlich unterschiedlich zu sein schienen. Viele waren sehr lang gezogen und brachten zeitintensive Spaziergänge mit sich. Im nächsten Tempel wartete am hintersten Ende der erste Baum auf mich, der sich seinen Platz mit riesenlangen Wurzeln auf hohen Mauern gesucht hatte. Da war das Bild, nach dem ich mich schon so lange gesehnt hatte. Es würde nicht der einzige Baum dieser Art bleiben, aber trotzdem war und ist es etwas ganz Besonderes und bisher völlig Unbekanntes.

Ein kleiner, alter und völlig unbezahnter Mann saß im Inneren des Tempels und stiftete die Besucher an, ein Räucherstäbchen anzuzünden und zu beten. Das Ganze war natürlich nicht ganz uneigennützig, denn im Anschluss an seinen Segen bat er um eine kleine Spende. Ich würde einmal davon ausgehen, dass er sich mit diesen Einnahmen ein goldenes Näschen verdient, wenn man die Einnahmen von durchschnittlich 1 US $ alle paar Minuten zusammen rechnet. Es sei denn, er würde das Geld für gute Zwecke einsetzen, aber davon gehe ich mal nicht aus.

Die Tempel sind in unterschiedlicher Verfassung. Manche Gemäuer sind zum Teil eingestürzt und werden durch Holzkonstruktionen gestützt. Die zahlreichen Warnschilder halfen manchmal sogar dabei, sich in den unzähligen Gängen nicht verlaufen zu können. Die Fahrt mit dem Tuktuk durch den Park war traumhaft. Ich hätte stundenlang auf dem weichen Polster meines überdachten Gefährts sitzen bleiben können.

Ich hatte mich für die große Runde entschieden und nicht berücksichtigt, dass einer der “Must visit”-Tempel auf der kleinen Runde liegt: Ta Prohm. Dort befanden sich riesige, zum Teil schief wachsende Bäume auf den Tempelmauern und stellen damit die Gesetze der Schwerkraft in Frage, oder besser gesagt das, was ich darunter verstehe.

Inzwischen waren fünf heiße Stunden Tempelwettlauf vergangen und mir ging langsam aber sicher die Besichtigungs-Puste aus. Neben Angkor Wat hatte ich schließlich in den vergangenen Tagen schon mehr als genug Tempel gesehen. Ob ein weiterer Tempel daher jetzt noch gut oder sehenswert war, spielte keine Rolle mehr. Ich fragte mich, wie sich Besucher hier tagelang aufhalten können – ein Tag reichte mir persönlich voll und ganz.

Ich beschloss gemeinsam mit meinem Tuktuk-Fahrer, wie vereinbart zum Tonle Sap See zu fahren, dem größten Frischwassersee Südostasiens. Der See mit seinen Floating Villages (fließende Dörfer) lag etwa 15 km bzw. ½ Stunde Fahrt entfernt und der Weg bis dorthin ging überwiegend an Feldern und Dörfern vorbei. Interessant wurde es ab dem Moment, wo Häuser auf riesigen, meterhohen Stelzen im Wasser standen.

Leider hatte ich mich vorher nicht gut genug informiert, denn es hätte drei verschiedene Stellen gegeben, die man besuchen konnte. Mein Fahrer brachte mich leider zu der gewöhnlichsten und somit touristischsten, dem Chong Khneas Floating Village. Die Unterschiede der drei Dörfer werden auf der Seite von siemreap.net sehr gut beschrieben. An der Bootsanlegestelle kaufte ich ein Ticket für nicht ganz günstige 25 $, offensichtlich gab es hier keine anderen Optionen.

Anstelle zu einer Gruppe eines größeren Bootes gesteckt zu werden, wurde ich alleine von einem älteren Mann mit seinem 10-jährigen Sohn in eine Dschunke gesteckt. Die Anzahl der Boote war für den Fluss und dieses kleine Dorf meines Erachtens viel zu hoch. Das Dorf bestand aus Hausbooten und Häusern auf Stelzen, einem Souvenir-Shop, einer Schule, Kirchen und einer Klinik. Die Bewohner des Dorfes sind Khmer, aber die überwiegende Anzahl sind Vietnamesen.

Ein ziemlich nerviger Bestandteil der Tour war der Stopp bei einem Shop, bei dem man zu einem Kauf von Utensilien für die gegenüber liegende Schule gedrängt wurde. Angeboten wurde einem zuerst ein 50 kg Sack Reis für 60 US$, dann Wasserflaschen oder als “ganz kleine” Spende Schulhefte für 10 $. Man könne das Gekaufte dann direkt im Anschluss persönlich bei der Schule abgeben und so auch sicher sein, dass es mit rechten Dingen zugehen würde.

  Unabhängig davon, dass der Inhaber des Ladens nicht vertrauenserweckend aussah und die Preise unverhältnismäßig hoch erschienen, war ich mir nicht sicher, ob es hier mit rechten Dingen zuging. Zudem dürfte es bei der Vielzahl der hierher gelotsten Touristen kaum Notstand geben. Ich ärgerte mich darüber, mit einem schlechten Gewissen von dannen zu ziehen, weil ich die erbetene Hilfe verweigert hatte. Nur entscheide ich gerne selbst, wem und wann ich etwas spende.

 

Zwischendurch machte der Motor unserer Dschunke immer wieder schlapp und brachte mir durch die wiederkehrenden Reparaturversuche des Bootsführers etwas mehr Zeit auf dem Wasser ein als geplant. Der Sohn war allerdings noch nicht so geübt, wodurch er uns mehrfach in die Mitte des Flusses und somit in die Gefahr frontaler Zusammenstöße mit anderen Booten brachte.

Ein langer Tag mit tollen Eindrücken! Insgesamt für Kambodscha ein relativ teuer Tag mit 25 $ für das Tuktuk, 20 $ Eintritt Angkor Wat und ungerechtfertigte 25 $ für die Bootstour Tonle Sap zuzüglich Tips. Aber Angkor Wat besucht man schließlich nicht jeden Tag. Über die Bootsfahrt auf dem Tonle Sap See lässt sich streiten, wenn man so etwas schon einmal woanders gesehen hat (z. B. in Vietnam).

Der Abend endete in einem belanglosen Restaurant in der Pub Street im Zentrum. Nicht immer trifft man die richtige Wahl, aber das tat diesem Tag keinen Abbruch, der alles in allem wunderschön war.

 

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