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Warum wir bei schlechtem Wetter trotzdem reisen sollten

Warum wir bei schlechtem Wetter trotzdem reisen sollten

Regenliebe - Reisemagazin Bravebird

Als ich auf der Holzbank des noch leeren, schwankenden Kahns im Spreewald Platz nehme, grummelt der Fährmann leise etwas vor sich hin. Er steigt aus und stellt sich zu einer Gruppe weiterer Fährmänner auf dem Anlegesteg. Als er einige Zeit später zurückkommt und noch keine weiteren Touristen in Sichtweise sind, frage ich ihn, ob alles in Ordnung sei.

»Diese bescheuerten Wetter-Apps versauen uns komplett das Geschäft!«.

Stimmt eigentlich, dachte ich. Hätte ich die Wahl gehabt, hätte ich mich ehrlich gesagt auch für einen anderen, weniger trüben Tag entschieden, um an dieser dreistündigen Tour durch die Wasserstraßen der Region teilzunehmen. »Scheint die Sonne, beschweren sich die Leute, dass sie lange warten müssen, weil der Andrang so groß ist. Und bei einem Wetter wie heute bleiben die Leute weg und wir verdienen fast nichts.«, sagt er.

Aus dieser Perspektive hatte ich das bislang noch nicht betrachtet. Nach der Tour war ich zugegebenermaßen froh, dass ich während der Fahrt viel Platz hatte und diese idyllische Runde auf dem Wasser mit nur wenigen Mitreisenden sehr angenehm war. Aber klar, für den Betreiber war das frustrierend.

Spreewald Tour im Regen - Reisemagazin Bravebird
Tote Hose bei schlechtem Wetter: Spreewald-Tour bei Lübben

Auch die Hotels sind betroffen

Einige Monate später saß ich am Frühstückstisch in einem historischen Hof mit romantischen Ferienwohnungen und Blick auf eine riesige Streuobstwiese. Bei einer Unterhaltung mit der Besitzerin fragte ich sie, ob es nicht schwierig sei, Menschen in diese Einöde – wie viele sie sicher empfinden würden – zu locken, so ohne Infrastruktur drumherum.

»Ja, das ist in der Tat nicht immer einfach.«, sagte sie. »Vor allem, wenn das Wetter schlecht ist. Da stornieren Leute teilweise ein paar Stunden vor der geplanten Anreise ihre Buchung, weil die Vorhersage kein gutes Wetter anzeigt. Und dann muss ich mich auch noch streiten, weil sie keine Storno-Gebühren zahlen möchten. Wenn ich nicht nachgebe, bekomme ich dann möglicherweise eine schlechte Bewertung – ohne, dass sie überhaupt hier waren.« Das klang gar nicht gut. Und es würde nicht das letzte Gespräch dieser Art sein.

Mir kamen in diesem Moment auch noch die Lebensmittel in den Sinn, die durch solche kurzfristigen Stornierungen wahrscheinlich weggeworfen werden müssen…

Eine Schönwetter-Gesellschaft

Woran liegt es denn eigentlich, dass wir so extrem auf schönes Wetter gepolt sind? Und warum schränken wir unser Leben bzw. unseren Alltag ein, wenn draußen mal nicht die pralle Sonne lacht? Zwar wird mittlerweile nicht mehr so viel über schlechtes Wetter gejammert, aber es wird auch nicht über das große Regen-Glück gesprochen. Das trifft leider auch auf meine eigene Einstellung zu, wie ich mir eingestehen muss.

Wanderung in Norderney bei Regen - Reisemagazin Bravebird
Wanderung auf Norderney – herrlich bei Regen!

Seit zwanzig Jahren bin ich tagein tagaus mit meinen Hunden draußen. Hierbei gibt es nie eine Wahl, einfach mal morgens oder abends drinnen zu bleiben; ich muss immer raus. Und ja, ich würde Regen abwählen, wenn er nicht überlebenswichtig wäre. Aber woher kommt eigentlich diese Abneigung, habe ich mich gefragt.

Ein Perspektivwechsel macht Sinn

Es gibt kaum einen schöneren Geruch für die Nase als frischen Waldboden nach einem heftigen Regen. Der dampfende Boden mit Dunstschwaden ist ein herrliches Naturschauspiel und im heißen Sommer hat Regen eine angenehm kühle Wirkung. Regenwürmer und Schnecken kommen aus ihren Verstecken und beleben die Natur. Und auch für uns hat dieses “schlechte” Wetter Vorteile:

Es sind weniger Menschen unterwegs, man hat die Natur oft ganz für sich alleine und es liegt weniger Müll von Leuten rum, die am Abend nach dem Grillen alles liegen lassen. Die kühleren Temperaturen stimulieren das Immunsystem und heftiger Regen veranlasst uns dazu, irgendwo Schutz zu suchen und dadurch mehr eins mit der Natur zu werden. Je mehr Regen fällt, umso mehr hilft es den Bäumen zu überleben.

Was wir tun können

Wenn ich in den vergangenen sieben Monaten vor die Tür gegangen bin, dachte ich mir oft, das Wetter sei nicht “gut genug” für Fotos. Und wer sich z. B. mal auf Instagram umschaut, wird kaum glückliche Posen oder Situationen im Regen finden. Warum ist das so? Weil Regen und dunklere Fotos weniger sexy sind und weniger Likes bringen als fancy Fotos irgendwo mit ganz viel Sonne und Happiness.

Ich möchte das in Zukunft ändern. Regen sollte eigentlich als wichtiger Bestandteil unseres Alltags gefeiert werden. Und sich nach irgendwelchen Apps richten, die mehr und mehr Einfluss auf unser Leben nehmen, halte ich ohnehin für problematisch. Influencer:innen, Blogs und jede:r Einzelne können erheblich dazu beitragen, dass Menschen auch wieder bei “schlechtem” Wetter Unternehmungen und Urlaub machen.

Schlechtes Wetter anders fotografieren - Reiseblog Bravebird
“Schlechtes Wetter” kann man eigentlich auch in ein gutes Licht stellen

Vielleicht sollten wir in Zukunft auch mal Regen-Fotos posten und dabei sagen “Hey, was für eine tolle Tour: Mit dem Regenschirm auf einem Kahn durch den Spreewald!” oder “Was für ein gemütliches Wochenende in der Ferienwohnung auf dem Land, an dem ich mit Gummistiefeln und dicker Regenjacke vor dem Haus unter einem Apfelbaum gesessen habe.”

Meine nächste Reise wird sich jedenfalls nicht nach dem Wetter oder Vorhersagen richten.

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