Nach drei sonnigen Tagen an der Küste Madagaskars musste ich jetzt endlich in den Regenwald eintauchen, mein Hunger auf Chamäleons und Lemuren war groß! Nicht allzu weit entfernt von Diego Suarez sind die beiden Nationalparks Montagne d’Ambre und Ankarana sowie eine besondere Steinformation namens Red Tsingy, die ich gerne auch noch sehen wollte.

Nach einigen Recherchen bin ich an die Agentur King de la Piste geraten. Der Inhaber namens York ist Deutscher, der schon seit 20 Jahren auf der Insel lebt und eine Öko-Lodge in der Nähe des Parks Ankarana besitzt. Er bot mir eine 3-Tagestour an, was ich mangels guter Alternativen annahm. Das Problem der Nebensaison ist leider, dass sich keine Gruppen ergeben, wodurch man natürlich einiges an Geld sparen könnte. Und so holte mich früh morgens ein Fahrer namens Jacques am Hotel ab.

Jacques sprach nur Französisch – das würde eine Herausforderung werden mit der Kommunikation. Aber kurze Zeit später setzte sich noch ein Madagasse mit dem Namen Fifi zu uns ins Auto und stellte sich als mein Guide für die nächsten beiden Tage vor. Ein Fahrer und ein Guide ganz für mich alleine? Etwas übertrieben, aber was soll’s. Jacques war klasse: Herzlich, fürsorglich, lustig, kann kochen und wahnsinnig gut Auto fahren. Am liebsten hätte ich ihn die ganze Zeit wie einen Teddy umarmt, aber das hätte es sicher missverstanden.

Während der ersten beiden Stunden auf dem Weg zum Nationalpark Montagne d’Ambre erfuhr ich bereits viel über das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in Madagaskar. Die beiden beschwerten sich darüber, dass die madagassischen Frauen viel zu viel von ihnen verlangen würden. Sie wollten ständig Geschenke und dann auch noch von ihrem schwer verdienten Geld shoppen gehen. Letzten Endes geht es eben in diesem armen Land für viele Frauen um eine gewisse Absicherung für sich und ihre Kinder.

Beide Männer erwähnten, dass sie europäische Frauen bevorzugen würden. Die stünden wenigstens auf eigenen Füßen. Fifi ist 28 Jahre alt und hat ein Kind, Jacques sieht aus wie 30, ist aber 45 und hat drei Kinder. Beide sind nicht mehr verheiratet. Ich merkte schon, dass da ein ziemliches Kuddelmuddel vorherrschte, was aber – wie ich später erfuhr – in Madagaskar ziemlich normal ist.

Wenn man eine Frau heiraten möchte, muss man den Eltern mindestens ein Rind (Wert ca. 200 €) als Mitgift liefern. Sich scheiden lassen geht wiederum unkompliziert, man trennt sich einfach. Wenn ein Mann fremdgeht, kann es zum Beispiel vorkommen, dass die Frau mit ihm zusammen bleibt, wenn er ihr sozusagen als Entschädigung goldene Ohrringe kauft. Mit der Treue nimmt man es hier offensichtlich auch nicht so genau und im Süden haben einige Stämme oft gleich mehrere Ehefrauen gleichzeitig.

Aber zurück zum Park. Als wir den Montagne d’Ambre Nationalpark erreichten und auf dem Parkplatz anhielten, klärte ich Fifi über mein größtes Problem auf Reisen auf: Spinnen! Ich hatte gesehen, dass es hier zum Teil riesige Exemplare gibt und ich wollte ihn vorsorglich darüber aufklären, dass ich schon allein bei Spinnweben an meinem Körper total ausrasten kann.

Meiner Frage, ob und welche Spinnen es in diesem Park gab, wich er galant aus. Er würde mich beschützen, behauptete er und ich solle mir keine Sorgen machen. Wenige Minuten später hätte er unterwegs fast selbst ein riesiges Netz mit dem Gesicht erwischt, wonach ich ab sofort nur noch hinter ihm ging.

Für mich wäre es ein normaler Regenwald gewesen, der überwiegende Teil der darin lebenden Tiere wären meinen Augen völlig entgangen. Fifi hingegen zeigte mir während des etwa zweistündigen Spaziergangs ständig große und kleine Chamäleons, die sich mit ihren Camouflage-Farben dem jeweiligen Untergrund oder Ästen anpassten und somit kaum zu sehen waren.

Eines der großen Highlights war dabei ein ausgewachsenes Mini-Chamäleon, das gerade mal die Größe einer größeren Fliege hatte. Der Guide hatte es mal eben aus einem Asthaufen gekramt, worin sich diese Miniatur-Ausgaben offensichtlich gerne aufhalten. Das kleine Männchen hier wirkte irgendwie ziemlich verschlafen und bewegte sich förmlich in Zeitlupe.

Übrigens bewegen sich Chamäleons allgemein sehr langsam. Es sind absolut faszinierende Tiere, nur leider ziemlich schüchtern. Alternativ dazu gab es im Wald noch riesige Spinnennetze weit über uns mit ebenso großen Spinnenweibchen, die auf Beute warteten…

Das Gift dieser Tiere ist nicht tödlich, sagte Fifi in der Annahme, mich damit beruhigen zu können. Leider hatte dieser Satz überhaupt keine Auswirkungen auf meine Sorge, mit einem dieser Spinnen oder deren klebriger Netze in Berührung zu kommen.

Nach dem Lunch mit Avocado-Salat und gegrillten Shrimps ging es noch kurz zu einem Wasserfall, der für mich unterwegs gleich mehrere Schauererlebnisse zur Folge hatte: An einem kleinen türkisen Haus auf einer Wiese hatte sich eine Spinnen-Kolonie versammelt. Mindestens 20 fette Achtfüßler mit zum Teil seltsamer Körperform schienen unter dem Dach verteilt nur auf mich gewartet zu haben. Höchste Zeit, bei nächster Gelegenheit mal einen Anti-Spinnenangst-Kurs zu belegen!

Mein Guide erklärte mir, dass die großen Spinnen in der Regel die Weibchen sind. Ihre Männer hingegen sind eher winzig, wie der Fotovergleich unten eindrucksvoll beweist. Ich wusste bereits, dass diese Monsterweibchen ihre Liebhaber nach der Begattung auffressen, aber ich ließ mir das von Fifi auch gern nochmals erläutern, der von dieser Vorgehensweise überhaupt nicht angetan war.

Die nächste Anlaufstelle waren die sogenannten Tsingy Rouges bzw. Red Tsingy. Wer sich in Madagaskar aufhält, wird wahrscheinlich immer irgendwo auf das Wort Tsingy stoßen. Dabei handelt es sich um spitz zulaufende Gesteinsformationen, die sich im Laufe von Jahrhunderten gebildet haben. In diesem seltenen Fall waren sie orange-rot.

Um zu dem kleinen Canyon zu gelangen, war einiger Aufwand erforderlich. Nach Abgabe der Eintrittsgebühr von etwa 3,50 € mussten wir eine zähe Offroad-Strecke durch Eukalyptus-Wälder von unerwartet langen 17 km passieren.

Zwischendurch gab es noch einen tollen Panoramablick auf den mittlerweile ziemlich weit entfernten Ozean. Nach einem nochmals 15-minütigen Abstieg sah ich sie dann die beeindruckenden, orange-farbenen Pinnacles of Red Tsingy.

Die Sonne war jetzt bereits mit dem Untergang beschäftigt und wir mussten uns beeilen, damit wir die holprige Strecke bis zur Hauptstraße zurück nicht im Dunkeln bewältigen mussten.

Es folgten drei nervenaufreibende Stunden Autofahrt zurück zu meiner Unterkunft, der Ankarana Lodge. Es war inzwischen dunkel geworden und bedingt durch die Tatsache, dass die Straßen in Madagaskar nicht beleuchtet sind, glich die Fahrt über Land einem Spießrutenlauf.

Kühe sprangen überraschend aus dem Feld auf die Straße, es regnete in Strömen, extreme Blitze erhellten kurzzeitig den Horizont, jugendliche Mädchen tanzten mit ihren Regenschirmen auf den Straßen und in den Dörfern wechselten ständig Menschen die Straßenseite.

Als wir spät abends endlich die Lodge erreichten, die im Nirgendwo zu liegen schien, betrat ich meinen schlicht eingerichteten Bungalow inmitten eines riesigen Gartens. Bevor ich mich zum Abendessen mit dem Besitzer York traf, galt es einige Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Penibel klemmte ich das Moskitonetz Millimeter für Millimeter zwischen Matratze und Bettrahmen… Ich wusste ja nicht, was hier so durch die Ritzen kommen konnte. Während des Duschens schon trafen sich im Bad an der Decke eine monströse Spinne und ein gigantischer Tausendfüßler, der die Größe einer Bockwurst hatte. Das würde eine unruhige Nacht werden…

 

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