Wie verbringt man seinen letzten Reisetag in Kambodscha, an dem nichts mehr geplant ist? Ich schwankte zwischen Nichtstun und Unternehmungen. Am Morgen kam eine Art Melancholie auf, die ich schon von anderen endenden Reisen kannte. Der Abschied nahte und die intensiven Erlebnisse der letzten zwei Wochen kamen nochmal hoch. Ich war froh, dass sich mein anfänglich etwas enttäuschter Eindruck von Kambodscha in Phnom Penh durch die Erlebnisse der letzten Tage in Siem Reap wieder relativiert hatte.

Am Mittag raffte ich mich endlich auf und entschied mich für den Besuch einer Schmetterlingsfarm, die eine der größten in Südostasien sein sollte. Im Lonely Planet hatte ich außerdem von einem Landminen-Museum gelesen, das nicht weit von der Farm entfernt zu sein schien. Die Kombination der beiden gegensätzlichen Themen schien strategisch sinnvoll und so nahm ich das Angebot meines Tuktuk-Fahrers von 15 US $ für diese Halbtagestour an. Das hätte günstiger sein können, aber ich war zu faul zum Feilschen.

Die etwa 25 km lange Strecke ging anfangs zu meiner großen Begeisterung wieder durch den Angkor Wat-Park. Eine tolle Route durch Dörfer mit kleinen Garküchen am Straßenrand, die neben lokalen Gerichten auch Benzin in Flaschen und Palmjuice zum Verkauf anboten.

Und dann kamen Reisfelder. Häuser auf Stelzen, Bauern und Kinder, die mit Wasserbüffeln in den Tümpeln spielten. In der Nase immer der Geruch von Lagerfeuer. Es wirkte wie das Paradies auf Erden. Nur wenige Stunden später sollte ich eine andere Seite des Landes zu Gesicht bekommen.

Die Schmetterlingsfarm Banteay Srei Butterfly Centre beherbergt in ihrem eingezäunten Garten etwa 30 verschiedene Arten in allen Entwicklungsstadien. Eintritt 4 US $ mit Guide. Nur drei andere Besucher waren zeitgleich mit mir an diesem friedlichen Örtchen. Ist ja auch keine außergewöhnliche Attraktion und auch nicht so groß, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber dennoch einen Besuch wert.

Knallbunte Schmetterlinge mit atemberaubenden Mustern, Raupen mit großen Stacheln und Larven in den unterschiedlichsten Kokons haben hier ihr Zuhause. Mir war gar nicht bewusst, dass die Zeit als Puppe und Raupe bei den meisten Arten wesentlich länger dauert als das eigentliche Leben als Schmetterling. Die meisten leben gerade einmal ein paar Wochen. Schade.

Weitere Bewohner dieses kleinen Parks waren eine fette Spinne im Netz und einige Stabheuschrecken im Käfig. In der freien Wildbahn würden mir diese stick insects (im Gegensatz zur Spinne) niemals auffallen. Ein Wunder der Natur! Im starren Zustand kann man Kopf und Hintern kaum erkennen, da dieses Tier in seinen kleinsten Details wirklich nicht von Zweigen und Ästen zu unterscheiden ist.

Der relativ weite Weg für den alleinigen Besuch dieser Farm lohnt sich definitiv nicht, weshalb die Kombination mit dem Landminen-Museum eine gute Entscheidung war. Ich hätte auch noch den in der Nähe gelegenen Tempel Banteay Srei iin die Tour integrieren können, aber mein Bedarf an Tempel-Besichtigungen war inzwischen mehr als gedeckt.

Das Landminen-Museum hat mich sehr beeindruckt. Es wurde von einem Einzelkämpfer namens Aki Ra errichtet, der nicht nur über die Hintergründe und bis heute andauernden Probleme aufklärt, sondern auch die Eintrittsgelder und Spenden den Minen-Opfern und anderen Kranken zur Verfügung stellt, die auf dem Gelände des Museums wohnen.

Selten hat mich der Besuch eines Museums derart betroffen gemacht. Großformatige Schwarzweiß-Fotos von Minenopfern mit der Beschreibung ihres grausamen Schicksals hängen in der Ausstellung. Prothesen von Armen und Beinen lehnen an Wänden. Unglaubliche Mengen von Waffen und Minen werden hier gesammelt und eindrucksvoll zur Schau gestellt.

Im Außenbereich erklären große Säulen die Situation in den vom Krieg betroffenen Ländern Laos und Kambodscha, die auch heute noch für die Menschen katastrophale Folgen haben kann. Und dabei trifft es hauptsächlich genau die Menschen, die sich keine adäquate medizinische Versorgung leisten können: Bauern und Kinder, die auf den Feldern arbeiten.

Aber auch Menschen, die auf den Feldern nach Metall suchen, finden in den Sprengkörpern wertvolles Material und müssen bei ihrer Suche durch die Detonation einer Mine nicht selten Gliedmaßen oder sogar ihr Leben lassen.

Der im Jahr 2010 zu den Top 10 CNN Heroes gekürte Soldat hat damals selbst tausende von Minen legen müssen und bis heute wieder über 50.000 Minen entschärft. Das Ziel des 39-Jährigen ist unter anderem die Schulung der Einheimischen in den gefährdeten Gebieten, um diese schrecklichen Unfälle vermeiden zu können.

Immer wieder musste ich mit den Tränen kämpfen. Jedes Detail ging mir unter die Haut. Aber es war nicht nur das schlimme Schicksal der Betroffenen, sondern auch der Mut und die Kraft eines einzelnen Menschen, der so unglaublich viel auf die Beine gestellt und erreicht hat, obwohl ihm selbst so harte Schicksalsschläge widerfahren sind (Eltern wurden im Krieg umgebracht, Ehefrau ist vor kurzem verstorben). Wo ist die Gerechtigkeit, fragte ich mich.

Auf der Rückfahrt zu meinem Hotel konnte ich die getrübte Stimmung bei langsam untergehender Sonne trotz der traumhaften Landschaft nicht abschütteln. Zu dieser friedlichen Gegend passten Krieg und Minenopfer so gar nicht. Das Thema würde mich noch länger beschäftigen, so viel stand jetzt schon fest.

Ohne nochmals Eintrittsgeld für Angkor Wat bezahlen zu müssen, kam ich auf der Rückfahrt dank meines Tuktuk-Fahrers nun doch noch in den Genuss eines Sunset-Views. Die Erde ist in manchen Bereichen rot gefärbt, was dem Park einen warmen Eindruck vermittelt. Und dieses Wetter ist und bleibt fantastisch, nicht zu feucht und abends/morgens angenehm kühl.

Schon wieder zog Wehmut auf. Nach dem etwas unglücklichen Kambodscha-Start in der Hauptstadt Phnom Penh kam insbesondere nach den heutigen Erlebnissen in Siem Reap immer mehr Sympathie für dieses Land auf. So gerne hätte ich noch mehr von diesem südostasiatischen Land kennengelernt, aber meine Reise-Uhr läuft leider morgen ab.

Heute Abend wollte ich in Bezug auf die Nahrungsaufnahme keine Niete mehr ziehen und entschied mich im Zentrum für das allseits hochgelobte HAVEN. Dabei handelt es sich um Trainings-Restaurant für volljährige Waisen, die im Laufe eines Jahres eine kostenfreie Ausbildung erhalten und im Anschluss daran Hilfe bei der Suche nach einer Festanstellung erhalten.

Auch hier ist ein Schweizer am Werk, der in diesem Entwicklungsland Hilfe leistet. Es erscheint vielleicht nur als der kleine Tropfen auf dem heißen Stein, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Und was das Essen angeht… zum ersten Mal nach zwei Wochen richtig guter Kaffee, ein klasse Salat und ein Oreo-Cheesecake, den ich so schnell nicht vergessen werde.

Zur Abrundung dieses letzten Abends gab es gleich nebenan noch einen Wrap mit Mango und Honig. Wer jetzt an etwas Essbares denkt, hat weit gefehlt. In vielen Spas werden Massagen, Scrubs und Wraps angeboten. Bei Letzterem wird erst eine Crememischung auf den Körper aufgetragen und im Anschluss daran wird man für etwa ½ Stunde in eine überdimensional große Klarsichtfolie eingehüllt. In der mumifizierten Phase gibt es zusätzlich eine Kopfmassage und nach dem Entwrappen eine Körperpflege. Und das alles für 25 $. Zweifelsohne nicht das günstigste Angebot, aber das diesmal gewählte Sokkhak Spa war ultraschick und bei der Masseurin saß jeder Handgriff, was auch nicht alltäglich ist – wie ich nach meiner inzwischen ausgiebigen Erfahrung behaupten kann.

Unerwarteter Weise war dieser letzte Tag dann doch noch mehr als gelungen! Morgen heißt es um fünf Uhr aufstehen, um den Flieger Richtung Heimat zu bekommen. Letzter Wermutstropfen: Insgesamt gehen etwa 22 Stunden für Flug, Zug und Wartezeiten drauf. Aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt!

Mein Fazit:

Luang Prabang → Vang Vieng → Vientiane → Phnom Penh → Siem Reap

Sowohl Laos als auch Kambodscha sind absolut sehenswerte Reiseländer. Während man in Laos ein etwas ungewöhnliches, ruhiges Asien mit westlichen Einflüssen erlebt, trifft man in Kambodscha auf eine Mischung aus Großstadt und Land, das sich insgesamt einem starken Wandel zu unterziehen scheint. Das Reisen durch beide Länder ist sehr einfach, günstig und wird durch einen netten Kontakt mit Einheimischen geprägt. Mit Englisch kommt man problemlos weiter, man isst mit Löffel und Gabel und unsere Stecker benötigen in der Regel keinen Adapter. Beide Länder halte ich für ungefährlich, auch für alleinreisende Frauen. Alle Städte waren malariafrei.

Die Wahl meiner Route war okay, allerdings würde ich bei einer nochmaligen Planung Phnom Penh gegen Sihanoukville austauschen. Dann hätte man noch ein wenig Strandurlaub integriert und die Hauptstadt Kambodschas kann man meines Erachtens ruhig auslassen. Zudem wären drei Wochen für diese Route definitiv sinnvoller, um es etwas entspannter angehen lassen zu können.

 

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