Erst vor kurzem fiel mir auf, dass ich noch nie so richtig über das Thema Angst geschrieben habe, obwohl es insbesondere für viele Frauen ein zentrales Thema ist. Muss man eigentlich besonders mutig sein, um eine Reise alleine anzutreten? Und wie kann ich trotzdem alleine reisen, wenn ich eher ein ängstlicher Typ bin? Wann sollte ich der Angst nachgeben und wann ist es besser, ihr keine Aufmerksamkeit zu schenken? Worauf sollte ich besonders achten, wenn ich unterwegs bin?

Mittlerweile habe ich fast 90 Länder bereist, davon mindestens 70 alleine und da müsste man annehmen, ich hätte nie Angst. Allerdings ist dies ein Trugschluss, denn zugegebenermaßen bin ich in vielen Bereichen ein ziemlich ängstlicher Mensch, was ich im Alltag gut zu kaschieren weiß und eher still und heimlich mit mir selbst ausmache. Wie ich meine Ängste überwinde und wie man trotz Angst viele Abenteuer in der weiten Welt erleben kann, möchte ich hier gerne beschreiben:

Wovor habe ich überhaupt Angst?

Es gibt unglaublich viele Ängste und Phobien, nur erscheinen sie auf Reisen oft prägnanter, weil man sich sozusagen auf ungeschütztem und unbekanntem Terrain außerhalb seiner sicheren Umgebung befindet. Da wäre die Flugangst, die Angst vor Spinnen oder Schlangen, Angst vor Gewalt, Diebstahl oder körperlichem Übergriff, Angst vor Einsamkeit, Krankheit usw. Manche davon beruhen auf Erfahrungen oder Informationen aus Nachrichten verschiedenster Art, andere scheinen förmlich angeboren zu sein.

Wer noch nie allein verreist ist, wird möglicherweise ein geballtes Paket an Bedenken haben, das die Überschrift “Angst vor dem Unbekannten” trägt. Unser Verstand, der uns mit den unterschiedlichsten Schutzmechanismen unterstützen möchte, bietet uns diverse Beweggründe an, warum eine Reise alleine nicht gut sein könnte. Da er die positiven Seiten mangels Erfahrung nicht kennt, bleibt eben nur die Skepsis. Dabei gibt es ja viele Dinge, die wir irgendwann zum ersten Mal tun (müssen) und potentielle Risiken beinhalten – Autofahren zum Beispiel.

Alleine reisen als Frau - Angst und Mut - Reiseblog Bravebird
In der Wüste Wadi Rum in Jordanien war ich einen Tag lang völlig allein in der Wüste. Ungewöhnlich – und unvergesslich!

Wie kann ich meine Angst überwinden?

Angst sollte nicht als etwas grundlegend Negatives angesehen werden, denn sie hat durchaus viele Vorteile. Sie bewahrt uns zum Beispiel vor potentiellen Gefahren und lässt uns wachsam sein. Manche Ängste sind allerdings so stark, dass man sie ohne professionelle Hilfe gar nicht überwinden können wird. Meine Panik vor großen Spinnen ist zum Beispiel im Laufe der Jahre besser geworden, weil ich mich langsam aber sicher an den Anblick gewöhnt habe. Am besten eignet sich die Erforschung der eigenen Angst im inneren Dialog, wie ich für mich herausgefunden habe.

Als ich vor drei Jahren mit meinem Camper losfuhr, hatte ich zum Beispiel Angst vor einer Fährfahrt. Klingt völlig banal, aber sie war eben da. Hier fragte ich mich, woran es denn liegen könnte. Ich war noch nie alleine mit einem größeren Auto in den Bauch einer großen Fähre gefahren und wusste nicht, was auf mich zukommen würde. Und hier half mir ein ebenso banaler Satz weiter:

»Wenn hunderte andere, normale Menschen (Männer und Frauen) das schaffen, dann schaffst du das auch!«.

Genau so war es. Leider funktioniert das nicht bei allen Dingen, aber in vielen Fällen ist das zu meinem Leitsatz geworden. Neben dem Dialog mit sich selbst macht es außerdem Sinn, sich zu informieren. Um bei meiner Fährfahrt zu bleiben, hätte ich mir auf Youtube verschiedene Videos anschauen können, in denen der gesamte Ablauf (Einfahrt, Parken, Hinausfahren) geschildert wird. Oder ich hätte mich in einer Facebook-Gruppe zum diesem Thema austauschen können. Gerade heute gibt es unzählige Möglichkeiten, sich bei einem unsicheren Gefühl Hilfe zu suchen.

Wann ist Angst berechtigt?

In Bezug auf eine Alleinreise würde ich ehrlich gesagt keinem empfehlen, diese anzutreten, wenn er innerlich überhaupt nicht davon überzeugt ist. Alleinreisen ist zwar eine tolle und wahnsinnig bereichernde Erfahrung, aber es ist kein Muss, keine Mutprobe oder sonst etwas, das im eigenen Lebenslauf zwingend stehen muss. Es gibt Reisegruppen oder die Möglichkeit, mit einem geeigneten Reisepartner zu reisen, was den inneren Widerstand in Vorfreude auf die Reise umwandelt. Eine Gruppenreise ist durchaus ein guter Einstieg, denn hierbei kann man sich ab und zu immer mal wieder absondern und herausfinden, ob man für “Alleingänge” gemacht ist.

Alleine reisen mit Camper als Frau - Reiseblog Bravebird
Alleine mit einem Camper durch Nordeuropa fahren – eine ganz besondere Erfahrung. Hier in Land’s End in Südengland.

Angst ist etwas sehr Individuelles und ich finde es wichtig, dass man seine Ängste ernst nimmt. Während ich z. B. mit meinem Camper nie auf einem Autobahn-Rastplatz übernachten würde aus Angst, dass jemand K.O.-Gas ins Auto sprüht und mich dann überfällt, haben andere damit überhaupt kein Problem. Dennoch nehme ich meine Angst ernst und übernachte immer auf sicheren Plätzen. Ich weiß, dass dies tatsächlich vorkommen könnte, für mich wäre das eine der schlimmsten Erfahrungen überhaupt und deshalb möchte ich niemals in diese Situation geraten.

Anders war es mit meiner ersten Reise nach Indien. Ich hatte viele Stories gehört über Tote, die überall am Straßenrand lägen, und Bettler, die sich vor lauter Not auf die Autohaube werfen würden. Dennoch habe ich die Reise angetreten und weder auf der ersten Reise diese Erfahrung gemacht noch auf den vier darauffolgenden Reisen durch dieses wunderschöne Land. Ähnlich ging es mir bei meiner ersten Reise nach Afrika. Es war auch hier wieder die Angst vor dem Unbekannten, vor einer fremden Kultur und dem Ungewissen, die sich während der Reise langsam auflöste.

Wie kann ich meiner Angst entgegenwirken?

Es wäre schön, wenn es hierfür ein Patentrezept gäbe, aber dem ist leider nicht so. Ist es “nur” die Angst vor dem Unbekannten und allein in einem fremden Land zu sein, ist das eigentlich relativ normal und dem kann man mit dem großen Informations-Angebot durch Reiseführer, Blogs, Gruppen mit Gleichgesinnten usw. Abhilfe verschaffen. Alleinreisen ist heute etwas völlig Normales und man sollte immer im Hinterkopf behalten, dass die meisten davon schwärmen – also kann es gar nicht so schlimm sein, wie es einem vielleicht besorgte Verwandte und Familienmitglieder weismachen wollen.

Bei der Angst vor einem körperlichen Übergriff (welcher Art auch immer) kann man zwar in verschiedener Hinsicht vorbeugen, dennoch sollte man sich generell einer Tatsache immer und überall bewusst sein:

Die absolute Sicherheit gibt es nicht. Nirgends.

Man kann bereits vor der Reise eine gute Prävention betreiben, d. h. ein möglichst sicheres Reiseland auswählen, sich über die besten Verkehrsmittel informieren, gute Unterkünfte und Touren buchen. Man sollte sich bestenfalls landestypisch kleiden, also speziell in Ländern mit hohem muslimischen Anteil lange, weite Sachen tragen. Während der Reise sollte man die als unsicher geltenden Viertel meiden und nachts nicht rausgehen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich ein sehr umsichtigen Verhalten auf Reisen auszahlt, wenngleich es nicht immer entspannt ist.

Alleine reisen als Frau - Angst vor Tauchen - Reiseblog Bravebird
Tauchen hat mich anfangs eine sehr große Überwindung gekostet. Dabei ist es eines der schönsten Dinge, die Welt unter der Wasseroberfläche zu erkunden.

Kann ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen?

In vielen Beiträgen im Internet wird dem Bauchgefühl ein sehr hoher Stellenwert beigemessen, was mich manchmal etwas beunruhigt. Unsere Intuition ist zwar ein wichtiger Bestandteil, allerdings darf man sich meiner Meinung nach auf Reisen in einem fremden Land keinesfalls allein darauf verlassen. Die Sinneseindrücke und Verhaltensweisen fremder Menschen sind oft vollkommen neu und unbekannt, weshalb ich bezweifle, dass der Bauch immer gleich zwischen Falsch und Richtig oder Gut und Böse unterscheiden kann.

Alleine reisen als Frau - Fernreisen - Reiseblog Bravebird
Ganz oben in einem verwunschenen Wald angekommen, mit dem Mietwagen auf der Insel La Réunion.

Ein gutes Gefühl muss nicht immer der Realität entsprechen. Viele haben zum Beispiel auf Reisen seltener ein komisches Gefühl als zu Hause, was daran liegen dürfte, dass wir über den neuen Ort oder das neue Land nicht so viel wissen wie von unserer alltäglichen Umgebung. Das einzige Mal in meinem Leben bin ich begrapscht worden an einem Ort, an dem ich es nie erwartet hätte: Auf Bali! Abends auf der Straße zum Hostel von einem betrunkenen Balinesen im Beisein einer Freundin. Hier gab es keine vorherige Intuition – ich hatte mich vollkommen sicher gefühlt.

Auf einer Alleinreise wird man ständig mit Entscheidungen konfrontiert. Bei manchen hat man viel Zeit, bei anderen wiederum muss man schnell sein. Vieles macht natürlich die Erfahrung über die Jahre, aber eigentlich handhabe ich es seither immer so:

  • Wenn mein Bauchgefühl ein konkretes “Nein” gibt, entscheide ich mich für etwas anderes.
  • Wenn mein Bauchgefühl ein “Ja” oder “Scheint ok” gibt, frage ich dennoch den Verstand: Welche Probleme könnten evtl. auftreten? Welchen Plan B gäbe es im Falle eines Falles?

Warum und wann sollte ich mutig sein?

Ebenso wie Angst ist auch Mut ein sehr individueller Begriff. Für den einen ist die Alleinreise nach Asien völlig normal, während das für den anderen ein unüberwindbares Ziel zu sein scheint. Vieles hängt von der Erziehung und der Umgebung ab, in der man aufgewachsen ist. Wenn es einen in die Ferne zieht und man die Alleinreise antreten möchte, gegen die aus der persönlichen Sicht nichts spricht, außer dass das eigene Umfeld protestiert, sollte man den Mut haben und seinen Willen durchsetzen.

Mut kann uns viele Türen zu neuen Erfahrungen öffnen, ja vielleicht sogar ein Tor zu einem neuen Lebensabschnitt sein, der viel besser zu uns passt und uns wesentlich mehr Erfüllung verschafft. Mein Leben wäre bisher gerade mal nur 1/4 so aufregend und bereichernd gewesen, wenn ich diese vielen unterschiedlichen Türen nicht geöffnet hätte. Daher kann ich jedem empfehlen, sich mit seiner Angst auseinanderzusetzen und sich dabei das Gute, dass da auf der anderen Seite liegt, vor Augen zu führen.

Der Mensch wächst mit seinen Herausforderungen!

Mut bedeutet für mich, zu meiner Meinung zu stehen, mich nicht an anderen bzw. an der Masse zu orientieren und meinem Herzen zu folgen. Wenn es mich irgendwohin zieht, versuche ich diesen Weg mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln einzuschlagen. Wenn ich vor etwas Angst habe, versuche ich eine Lösung zu finden, wie ich sie sozusagen behutsam auf die Reise mitnehmen kann – anstatt sie in einer dunklen Truhe zu Hause zu lassen. Auf diese Weise gebe ich ihr und mir Schritt für Schritt die Möglichkeit, Selbstvertrauen und eine andere Sicht auf die Welt zu gewinnen.

Alleine Reisen als Frau - Fidschi - Reiseblog Bravebird
Entspannung nach einer sehr langen Reise: Fidschi in der Südsee

Reisetipps für Ängstliche:

  • Frage dich, wovor du eigentlich genau Angst hast. Versuche genau herauszufinden, welche Bedenken vorliegen. Ist es vielleicht Angst vor Gewalt oder Kriminalität? Dann sorge mit ein paar Tools vor, um dich sicherer zu fühlen. Oder besuche einen Selbstverteidigungskurs, der dir mehr Sicherheit verleiht.
  • Gute Planung im Vorfeld: Du weißt nicht, welches Land gut geeignet ist? Dann schaue mal in diesen Artikel rein oder besuche meine Facebook-Gruppe für alleinreisende Frauen, in der sich erfahrene und Newbies gegenseitig unterstützen.
  • Don’t judge jourself! Gerade Frauen neigen dazu, sich selbst dafür zu verurteilen, weil sie scheinbar nicht so schön, schlank, erfolgreich oder eben mutig sind wie andere. Aber es soll so sein, dass wir allesamt unterschiedlich sind. Wenn du also eher ein ängstlicher Typ bist, versuche das entweder liebevoll anzunehmen, oder – wenn es dich stört -, lasse dich coachen. Das wird dir helfen, dich selbst besser kennenzulernen und manches mutiger anzupacken.
  • Deine Pläne und dein Umfeld: Oft scheitert eine Reiseplanung an den Zweifeln der Eltern, Freunde oder Bekannten. Vielleicht ist es ja doch zu riskant. Vielleicht könnte etwas passieren. Die Sorge um dich solltest du wertschätzend entgegennehmen. Wenn dein Herz aber an einen bestimmten Ort will, informiere dich entsprechend, bereite dich gut vor und mache dich auf den Weg. Das Leben ist kurz und es wäre schade, es nicht in all seinen Facetten zu entdecken.

 

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9 Kommentare

  1. Hallöchen, vielen dank für deinen sehr schön geschriebenen Beitrag. Ich stand letztes Jahr um diese Zeit auch kurz vor meiner ersten Reise alleine, 14 Tage Costa Rica. Ich wollte es einfach mal ausprobieren und schauen, ob es mir gefällt. Ich hatte mit die coolste Zeit meines Lebens. Man ist einfach viel offener und lernt dadurch noch mehr Leute kennen, einfach toll.
    Liebe Grüße aus dem kalten und nassen Bremen,
    Anna

  2. Wunderbarer Beitrag!

    P.s. Die Intuition hat immer recht, leider ist der impuls oft sehr kurz und sanft. Wie oft haben wir hinterher gesagt: Ich hab es geahnt. Lerne auf die Intuition zu hören und zu vertrauen, dann wird auch der Impuls stärker. 😘

    1. Hello hello, schön von dir zu hören! Mh ja… wie gesagt bin ich da etwas anderer Meinung, zumindest was das positive Bauchgefühl angeht. Meiner Erfahrung nach sollte man sich in fremden Ländern nicht nur darauf verlassen – ich würde es zumindest nicht empfehlen :)
      Liebe Grüße und bis bald, Ute

      1. P.S.2:

        Ich würde es mal so ausdrücken:
        Verlasse Dich sich nicht nur auf Deinen Verstand, und höre um Himmels Willen nicht bloß auf Dein„Bauchgefühl“ (das ist in vielen Fällen nicht die Intuition, sondern es sind falsch abgespeicherte Erfahrungen, die Angst machen, statt Klarheit zu bringen). Nein, höre nicht auf Deinen Bauch. Höre auf das höhere selbst, das ist das wahre Genie in Dir.

        Lg, Dein höheres selbst :-)

  3. Hallo Ute,

    Ich glaube nicht an Angst, ich glaube nur das Leute nicht ihre Komfortzone verlassen möchten, wir Menschen sind viel zu bequem, wir immer das Selbe, immer mit den selben Leuten weil wir nicht versagen oder uns blamieren möchten. Ich finde es super mutig das du dich getraut hast allein zu Reisen, dann kann man immer sein eigenes Ding machen und muss sich nicht auf andere verlassen oder noch schlimmer- auf andere warten.

    Freue mich wo deine Wanderlust dich zunächst hinführt!

    Liebe Grüße aus Berlin,

    Loredana

    1. Hallo liebe Loredana,
      was für ein schöner Vorname! Es stimmt, dass das Verlassen der Komfortzone für viele in den verschiedensten Bereichen ein großer Schritt ist. Und das mit dem Warten stimmt ebenfalls, meine Begleitungen sind an der einen oder anderen Stelle schon an mir verzweifelt :)
      Liebe Grüße in die Hauptstadt,
      Ute

  4. Hallo und danke für den tollen Blog. Alleine zu reisen ist echt eine Herausforderung, der ich mich bis jetzt auch nicht stellen konnte. Meine Schwester ist da ganz mein Gegenteil. Noch vor kurzer Zeit war sie wieder unterwegs und sie war auch erneut sehr zufrieden und glücklich mit ihrer Reise.

    1. Hey Christoph,
      während ich früher dachte, das Alleinreisen sei eher ein Männerding, weiß ich mittlerweile, dass das Gegenteil der Fall ist. Daher möchte ich dich gern an dieser Stelle ermutigen, es auch einmal zu versuchen :)
      Viele Grüße
      Ute

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