Du liest gerade
Warum Pressereisen nicht honorarfrei sein können

Warum Pressereisen nicht honorarfrei sein können

Ute Kranz - Reiseblog Bravebird

Dieser Artikel richtet sich an Unterkünfte und PR-Agenturen, die sich für Kooperationen mit Reiseblogs interessieren. Vielleicht ist es auch für Influencer:innen und Content Creators interessant, denn über die Frage, ob man für eine Pressereise Geld verlangen sollte oder nicht, lohnt es sich definitiv nachzudenken.

Vom Reisen leben können, davon träumen viele. Der Anfang ist mit ein wenig Einarbeitung auch recht schnell gemacht. WordPress und Social Media Kanäle eingerichtet, regelmäßig Fotos und Artikel gepostet und sobald man eine kleine Community aufgebaut hat, kann es losgehen mit dem Reisen auf Einladung von Tourismus-Ämtern, PR-Agenturen und Unterkünften. So scheint es zumindest.

Für Unternehmen steht das Influencer-Marketing durch die personalisierte Werbung hoch im Kurs. Laut einer Studie des BVDW nutzen mittlerweile ca. 50% der Befragten Influencer:innen für ihre Werbekampagnen. Scheint doch eine Win-Win-Situation zu sein, oder? Nicht ganz, denn durch die mittlerweile große Bandbreite an Influencern und Content Creators ist die Konkurrenz riesig mit entsprechenden Begleiterscheinungen:

»Reisen ist doch deine Leidenschaft, warum also Geld dafür nehmen?«

Dieser Satz wird zwar nie ausgesprochen, ist aber Subtext in mindestens 95% der Anfragen, die ich erhalte. Egal, wie weit ich dafür fahren muss, wie viel Zeit es in Anspruch nimmt, wie stressig die vorgegebene Reiseplanung ist oder welche Leistungen gewünscht werden. Von einem vorgesehenen Budget wird bei der Anfrage nicht gesprochen, denn vielleicht macht man es ja kostenfrei.

Agenturen oder Unternehmen suchen zwar nach einer möglichst einflussreichen Person für ihre Zielgruppe, andererseits möchte sie am liebsten nichts bezahlen. Während einer Podiumsdiskussion rief mir vor einigen Jahren ein Hotelier aus dem Publikum zu, dass es schon unverschämt sei, auch noch Geld dafür zu verlangen, wenn man drei Nächte im 5 Sterne-Hotel kostenfrei erleben dürfe.

Die Sichtweise kann ich sogar nachvollziehen, wenn sich jemand überhaupt nicht damit beschäftigt, zumal der Begriff „Influencer“ nicht gerade den besten Ruf genießt. Ich möchte hier gerne einmal erläutern, was alles dahinter steckt und dies auch in Zahlen plastisch darstellen, um die Situation verständlicher zu machen.

1. Selbstständig vs. Hobby = ein eklatanter Unterschied

Natürlich gibt es einige Blogger:innen und Influencer:innen, die ihre Inhalte, Fotos und Reiseerlebnisse neben ihrem Hauptberuf mit der Welt teilen. Wer damit einigermaßen erfolgreich ist und das Glück hat, attraktive Einladungen für Pressereisen zu erhalten, kann es sich (theoretisch) leisten, die Reise anzutreten und kein Geld dafür zu verlangen.

Wer aber seinen Blog, sein Magazin, seinen Instagram-Account oder welche Plattform auch immer hauptberuflich betreibt, muss darüber dann eben auch so viel Geld verdienen, um mindestens seine nicht geringen Lebenshaltungskosten finanzieren zu können. Das sind meist mehrere tausend Euro im Monat brutto – die Selbstständigkeit mit all ihren Verpflichtungen ist teuer!

Daher ist wichtig, nicht nur seinem Gegenüber, sondern auch sich selbst immer wieder zu verdeutlichen:

Es ist ein Beruf: meine professionelle Leistung, meine Zeit, meine Werbefläche, mein Aufwand und meine Expertise, die ihr Geld mehr als wert ist. Es gibt daher keinen Grund, irgendetwas kostenlos anzubieten!

2. Vergleich Leistung vs. Gegenleistung

Kommen wir auf den erwähnten Hotelier zurück und nehmen wir als Beispiel die Pressereise nach Österreich für vier Tage resp. drei Nächte im Luxus-Hotel mit diversen Aktivitäten, um das Hotel auf dem eigenen Blog sowie auf den sozialen Kanälen zu präsentieren. Die wichtigsten Aspekte vorweg:

  • Man fotografiert und schreibt gleichzeitig, d. h. man bietet Fotograf:in und Redakteur:in in einem. Dem noch nicht genug, bietet man eine attraktive Werbefläche auf Social Media Kanälen.
  • Es ist kein Urlaub! Man hat oftmals ein (straffes) Programm, ist unentwegt mit der Kamera im Haus sowie in der Umgebung unterwegs und postet Videos und Fotos auf seinen Kanälen. Manches auf der Reise würde man selbst nie wählen, passt evtl. nicht zur eigenen Thematik und hat ggf. Follower-Verlust zur Folge und bei Gruppenreisen ist man u. U. den ganzen Tag mit Leuten zusammen, die einem nicht wirklich sympathisch sind.
  • Es ist ein Job und Auftrag! Es handelt sich hier um vier Reisetage, in denen man nicht mit anderen Leistungen in seiner Selbstständigkeit Geld verdient. Hinzu kommen weitere 2-4 Tage im Anschluss für die Foto-Auswahl und das Erstellen eines professionellen Blog-Artikels. Demnach ist man alles in allem eine ganze Woche lang beruflich ausschließlich mit diesem Hotel beschäftigt!

Das Hotel wiederum stellt für die Kooperation lediglich ein Zimmer zur Verfügung (i.d.R. in der ruhigen Nebensaison), das bis auf die Reinigung durch angestelltes Personal keinen größeren Aufwand erfordert. Beim Frühstücksbuffet fällt es nicht auf, ob nun ich zwei Brötchen und Kaffee zu mir nehme oder ein anderer Gast einfach das Doppelte isst. Sprich: Aufwand und Kosten sind für diese Werbe-Maßnahme extrem gering; es sei denn, es wurde eine PR-Agentur beauftragt, die natürlich voll bezahlt wird.

Eine realistische Berechnung

Nehmen wir an, ich kalkuliere den Auftrag ganz klassisch als Unternehmerin (die ich nunmal bin) für die Reisekosten, den Aufwand und die Werbemaßnahmen, sähe der Kostenvoranschlag in etwa so aus: (Berechnungsgrundlage z. B. anhand dieser Stundenlohn-Kalkulation für Selbstständige und dieser Kalkulation für Advertorials und Social Media).

LeistungPreisGesamt
2 Tage Fahrtzeit200 € Tagessatz reduziert400 €
2 Tage Recherche vor Ort302 € Tagessatz604 €
Ca. 10 Insta Storys30-50 €/Story400 €
2 Insta Feed Posts170€/Post340 €
1 Blog-Post mit Bildern2 Tage à 302 € Tagessatz604 €
Email-Kommunikation etc.Oft viele Stunden!
Gesamt-Angebotspreis netto zzgl. MwSt.2.350 € *
* Fahrtkosten für den Zug oder Auto müssten vom Hotel zusätzlich übernommen werden

Der Tagessatz dient gerade zur Kostendeckung (gem. diesem Honorarrechner) und beinhaltet weder Puffer für unproduktive Zeit (hier z. B. Packen, Recherche etc.) noch Gewinn. Alternativ könnte man auch sagen, dass man 1/4 des Monats mit dem Auftrag verbringt und somit 1/4 des Monats-Bruttoeinkommens verlangen müsste. Selbst das wären immer noch mindestens 1.375 € statt 0 € wie von der Unterkunft oder der PR-Agentur gewünscht.

Und selbst, wenn man hier nun die offiziellen Hotelpreise gegenüberstellen würde (obwohl es wie gesagt weder Urlaub noch Erholung ist) – sagen wir mal mit 200 € pro Nacht inkl. Frühstück – wären das gerade mal 600 €. Also: so oder so, der eigene Aufwand steht nicht ansatzweise im Verhältnis zu dem, was man vom Hotel „geboten“ bekommt!

3. Vorsicht: Steuer!

Ein kleines, aber feines Detail wird hier auch gerne vergessen: Bei gesponserten Reisen gilt der Gegenwert der Reise als Einnahme, die man beim Finanzamt versteuern muss! Wenn man also eine Pressereise ohne Einnahmen antritt, muss man den Gegenwert dieser Reise trotzdem versteuern!

Wer eine kostenlose Pressereise antritt, ist viele Tage für das Unternehmen unterwegs, macht hunderte Fotos und unentgeltlich jede Menge Werbung auf seinen Plattformen, feilt mit Sorgfalt an seinen redaktionellen Texten und muss diese Reise am Ende versteuern – und zahlt damit drauf!

Während viele Menschen hierzulande annehmen, dass es sich bei Influencer:innen um „Schmarotzer“ handelt, die einfach nur kostenfrei reisen wollen, ist es tatsächlich (i.d.R.) umgekehrt. In den vergangenen neun Jahren Blog-Erfahrung habe ich in erster Linie die Einsicht gewonnen, dass sehr viel Leistung für sehr wenig bis gar kein Geld erwartet bzw. gewünscht wird.

4. Wo man Ausnahmen machen kann

Das Wundervolle an einem Blog ist nicht nur, dass man (Talent vorausgesetzt) andere Menschen für etwas begeistern kann, sondern dass man auch schon einmal schöne Überraschungen erlebt. Es ist ein schönes Sprungbrett für viele Bereiche. Verlage fragen an, man kann Vorträge halten, wird von Magazinen und Tageszeitungen interviewt und kommt unter Umständen auch ins Fernsehen.

In puncto Reisen war es vor der Klimakrisen-Thematik auch sehr reizvoll, zu exotischen Fernreisen eingeladen zu werden. Hierbei handelte es sich oft um besondere und hochpreisige Reisen, die man sich entweder selbst nicht hätte leisten können oder thematisch nicht so leicht durchführbar gewesen wären.

Und nicht zuletzt gibt es die selbst bezahlten Reisen, bei denen irgendwo das Herz hängenbleibt. Die Unterkunft oder die Besitzer:innen sind so nett und herzlich, dass man sich mehr Aufmerksamkeit für sie wünscht und die Möglichkeit hat sie zu unterstützen. Das ist freie Zeit und Herzblut, das man gerne in die Arbeit steckt, um zu helfen.

Ansonsten gibt es keinen Grund, eine Pressereise kostenfrei anzutreten.

Zeige Kommentare (7)
  • Ich unterschreibe alles, was du in deinem Post aufgeführt hast und möchte noch ergänzen, dass es für die Auftraggeber scheinbar ganz normal ist, nach Veröffentlichung der Berichte, egal ob Blog oder Instagram nach deinen Bildern fragen.
    Da kam dann als Antwort auf ein Nein oder das Angebot, diese käuflich zu erwerben schon mal der Einwand man hätte mir ja auch Liftkarten etc. bezahlt. Da wird es dann richtig unangenehm und für mich heißt das, dass das die letzte Kooperation war.
    Herzliche Grüße
    Claudia

    • Hallo liebe Claudia,
      diese Erfahrungen habe ich auch schon gemacht. Diese Selbstverständlichkeit von Ausbeutung – die es letzten Endes ist – macht mich immer wieder sprachlos. Viel schlimmer noch finde ich die manchmal ausufernde Email-Kommunikation, bei der manche Kontaktpersonen jede Frage und Thematik einzeln mitteilen und man ständig nachfragen muss.
      Ich habe mir vorgenommen, nun mal eine offizielle Preisliste zu erstellen und beizulegen, damit im Vorfeld alles transparent kommuniziert wird. Vielleicht funktioniert das besser.
      Liebe Grüße und weiterhin viel Erfolg!
      Ute

  • Interessante Aufstellung. Mit Journalismus hat das nichts zu tun, es sollte mit Werbung gekennzeichnet werden, ansonsten droht Ärger.

    • Es sollte nicht nur mit Werbung gekennzeichnet werden, sondern muss mit „Werbung“ oder „Anzeige“ gekennzeichnet werden; egal, ob bezahlt oder unbezahlt. Das ist dem Leitfaden der Medienanstalten deutlich zu entnehmen, war aber nicht Inhalt dieses Beitrags.
      Warum eine Pressereise und die Berichterstattung darüber mit Journalismus nichts zu tun haben soll, steht zwar ebenfalls auf einem anderen Blatt, ist aber dennoch etwas, das man dennoch diskutieren kann und sollte. Wenn ich z. B. gemeinsam mit Journalist:innen von Tageszeitungen auf einer Pressereise bin, muss ich den Artikel als Werbung kennzeichnen, die Tageszeitung ihren „journalistischen Reisebericht“ jedoch nicht – obwohl der Inhalt natürlich ähnlich lautend war.

Schreibe einen Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.

© 2013 - 2022 - BRAVEBIRD ®. Alle Rechte vorbehalten.