In den vergangenen Jahren haben sich Freizeitangebote mit Alpakas stark verbreitet. Ob geführte Wanderungen, Trekking, Yoga-Stunden, Kindergeburtstage oder Hofführungen – immer öfter stehen die ruhigen Tiere im Mittelpunkt von Erlebnissen, die mit Begriffen wie Entschleunigung, Achtsamkeit und Naturverbundenheit beworben werden.
Alpakas gelten als sanftmütig, süß, friedlich und entspannend. Auf Webseiten von Anbietern heißt es, sie würden „die Seele beruhigen“, „positive Energie ausstrahlen“ oder „einfach Spaß machen“. Die Tiere werden geführt, gestreichelt, fotografiert und teilweise in therapeutische Kontexte eingebunden; immer mit dem Versprechen, Nähe zur Natur und emotionales Wohlbefinden zu vermitteln.
Was dabei fast nie thematisiert wird, ist die Frage, ob die Nutzung dieser Tiere nicht nur dem Menschen Freude macht und den Betreibern Geld einbringt, sondern auch, wie es den Alpakas dabei eigentlich geht. Genau deshalb möchte ich hier einmal genauer hinschauen.
1. Was sind Alpakas und warum gibt es sie in Europa?
Alpakas gehören ebenso wie Lamas zur Familie der Kameltiere und stammen ursprünglich aus den südamerikanischen Anden, vor allem aus Peru, Bolivien und Chile. Sie wurden über Jahrhunderte vom Menschen gezüchtet, in erster Linie wegen ihrer Wolle. In ihrer ursprünglichen Umgebung leben Alpakas in Höhenlagen zwischen 3.500 und 5.000 Metern. Das Klima dort ist trocken, kühl und karg.

In ihrer ursprünglichen Umgebung leben Alpakas in Gruppen auf weitläufigem, kargem Gelände. Sie bewegen sich dort eher langsam und in kurzer Distanz, haben jedoch viel Raum zur freien Orientierung. Als Fluchttiere reagieren sie sensibel auf Nähe, Lärm, schnelle Bewegungen und direkte Berührungen. Ihre Kommunikation erfolgt nahezu lautlos: über Körperhaltung, Ohrstellung und Blickrichtung.
In den 1980er-Jahren wurden Alpakas erstmals nach Europa importiert, zunächst als Exoten für private Zuchten und später auch für den Wollmarkt. Heute werden sie nicht nur zur Wollproduktion gehalten, sondern zunehmend auch für Freizeitangebote genutzt, z. B. für Wanderungen, Kindergeburtstage oder Entspannungs-Programme.
In Deutschland und vielen anderen Ländern in Europa leben Alpakas heute meist auf eingezäunten Weideflächen mit stark eingeschränktem Bewegungsradius. Daher wichtig zu wissen: Der regelmäßige Kontakt zu wechselnden Menschen, das Führen an der Leine und die ständige Nähe in touristischen Situationen entspricht nicht dem natürlichen Verhalten dieser Tiere.
2. Vom Wandern bis zum Kindergeburtstag – Wie Alpakas heute eingesetzt werden
Alpakas werden inzwischen in ganz unterschiedlichen Freizeit-Formaten eingesetzt. Am bekanntesten sind geführte Wanderungen, bei denen die Tiere an Halfter und Leine durch die Natur geführt werden. Die Touren dauern meist zwischen einer und drei Stunden und finden oft in kleinen Gruppen statt.

Ergänzt werden diese Angebote durch Formate wie Yoga mit Alpakas, Picknick-Ausflüge, Fotoshootings, tiergestützte Entspannungsübungen oder mehrtägige Retreats. Auch Kindergeburtstage, Schulklassenbesuche oder Team-Events gehören mittlerweile zum festen Repertoire vieler Betriebe.
In der Regel dürfen die Tiere gestreichelt oder geführt werden. Manche Anbieter ermöglichen auch direkten Körperkontakt, etwa durch Umarmungen oder das Sitzen in unmittelbarer Nähe. Auch in sozialen Netzwerken und in öffentlich rechtlichen Medien tauchen Alpakas häufig als ruhige, süße und freundlich wirkende Kulisse auf, was den Trend weiter verstärkt.
Was dabei selten thematisiert wird: Für die Tiere bedeutet dieses Freizeitangebot regelmäßige Nähe zu fremden Menschen, teilweise wechselnde Umgebungen, längere Transportwege und (je nach Betrieb) ein straffer Ablauf mit begrenzten Rückzugsmöglichkeiten. Alles Bedingungen, die deutlich von ihrem natürlichen Lebensraum und ihrem artspezifischen Bedürfnissen abweichen.
3. Was bedeutet das für Alpakas?
Bei all den Erlebnispaketen und Wohlfühl-Angeboten gerät leicht in Vergessenheit, worum es hier eigentlich geht: Ein Tier von einem fernen Kontinent wird aus seinem natürlichen Lebensraum herausgelöst, züchterisch angepasst, in Ländern wie Deutschland auf begrenzten Flächen gehalten, auf zahmen Kontakt trainiert und schließlich als fröhlicher Begleiter mit lustigem Aussehen vermarktet.

Statt als Herdentier im Hochland zu leben, werden Alpakas hier in eine künstliche Rolle gedrängt. Sie dienen als Kulisse für menschliche Bedürfnisse: zur Entspannung, zum Kuscheln, für Fotos und als Wolllieferant. Was sich nach Naturerlebnis anfühlt, ist in Wahrheit eine Form der Zweckentfremdung: ein scheues Tier wird zum Nutztier im Freizeitbetrieb umfunktioniert.
Die psychischen und körperlichen Folgen für die Alpakas bleiben dabei für Außenstehende meist unsichtbar, weil sie nicht ins gewünschte Bild passen. Die Anpassung an den Menschen wird häufig als „Zutraulichkeit“ fehlgedeutet, dabei zeigt sie oft nur, dass das Tier gelernt hat, sich zu fügen. Mögliche Folgen sind beispielsweise chronischer Stress, sozialer Rückzug, Verhaltensstörungen oder körperliche Symptome wie Appetitverlust.
Fazit: Alpaka-Wanderungen sind keine harmlose Freizeitbeschäftigung
In unserem Umgang mit Tieren erscheint vieles selbstverständlich. Wir essen sie, tragen ihre Wolle, nutzen sie zur Unterhaltung. Meist leben sie fernab ihres natürlichen Lebensraums, angepasst an unsere Bedürfnisse und nicht an ihre eigenen. Auch Alpakas sind Teil dieses Systems.
Ob man das unterstützen möchte, muss jeder selbst für sich entscheiden. Wichtig ist nur, sich bewusst zu machen, dass man mit der Buchung solcher Angebote immer auch eine Form von Nutztierhaltung unterstützt. Eingrenzung, Zucht, Anpassung und ständige Verfügbarkeit gehören dazu.

Vielleicht reicht es ja, einfach am Zaun stehen zu bleiben und die Tiere aus der Ferne zu beobachten.
Die Haltung von Alpakas zur Wollgewinnung wird sich nicht vermeiden lassen. Aber ob man das kommerzielle Freizeitprogramm unterstützen und eine Wanderung mit einem Tier machen möchte, das sich diesem Kontakt nicht freiwillig aussetzt, ist eine bewusste Entscheidung.
Schreibe einen Kommentar