CampingMobilität

VANLIFE ist out – was passiert jetzt mit den ganzen Autos?

278
Dauerparken von Wohnmobilen - Problem in Städten - Vanlife - Reiseblog Bravebird

Nachdem ich mich vor einigen Tagen überraschend auf einer Fortbildung mit dem Coronavirus angesteckt habe, wurde mir noch einmal bewusst, dass die Pandemie immer noch nicht hinter uns liegt. Die Gedanken dazu brachten mich zurück zu den Anfängen in 2020, einer Zeit voller Unsicherheiten, Ängste und dem starken Drang vieler, sich den damaligen Einschränkungen zu widersetzen und ihre Freiheit zu verteidigen.

Getreu der bereits im 17. Jahrhundert erlangten Erkenntnis des französischen Philosophen Blaise Pascal, „das ganze Unglück der Menschen rühre allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“, kam im wahrsten Sinne des Wortes ein gewaltiger Trend ins Rollen: Dem Klimawandel, dem Pariser Klimaabkommen und der Verkehrswende zum Trotz überfluteten plötzlich massenweise tonnenschwere Freizeitfahrzeuge die Straßen, Campingplätze, Waldränder, Parkplätze und Autobahn-Raststätten.

Loreley Massentourismus Camping - Reisemagazin Bravebird
„Freiheit ist der Raum, den ich brauche, um ich selbst zu sein.“ – Anne Morrow Lindbergh

Angesichts der künstlich entstandenen Verknappung mangels alternativer Reisemöglichkeiten sprangen Unternehmen, Influencer:innen, TV-Sender, Leitmedien, Magazine und Verkehrsclubs – allen voran der ADAC – dankend auf den rollenden Zug auf und trugen maßgeblich zu einer völlig übertriebenen Romantisierung des Wohnmobils bei. Dem noch nicht genug, wurde Vanlife skurrilerweise als umweltfreundlich vermarktet, denn man fliegt ja schließlich nicht!

Was gerade noch das einfache Camping für jedermann war, wurde nun plötzlich zum sexy grünen Lifestyle im klobigen Kastenwagen hochstilisiert.

Dabei wurde der Abgas-Skandal 2020/2021 lediglich als Randnotiz wahrgenommen: einige Modelle von FiatChrysler und VW zeigten Überschreitungen der Grenzwerte für das gesundheitsschädliche Stickoxid um das bis zu 19-fache. Wer jetzt denkt, dass solche gravierenden Überschreitungen zu einem sofortigen Fahrverbot, einer Stilllegung oder umgehenden Nachrüstung der mehr als 200.000 betroffenen Fahrzeuge führen würden, hat sich im Autoland Deutschland getäuscht. Bis heute fahren diese großen Kfz durchs Land und belasten Menschen, Tiere und Umwelt.

Der Preis des Wohnmobil-Wahns: Wer jetzt die Last trägt
Weniger stark befahrene Straßen werden als kostenfreie Dauerparkfläche genutzt, was in Deutschland für Wohnmobile legal ist.

Warum der Hype vorbei ist – Wenn Kommerz auf Romantik trifft

Wie jeder Trend auf Social Media ging also auch dieser erwartungsgemäß nach ein paar Jahren zu Ende. Der Rückgang des Vanlife-Trends ist allerdings nicht allein auf die Vergänglichkeit eines Hypes zurückzuführen, sondern auch auf eine Vielzahl realer Herausforderungen und skurriler Widersprüche. Neben der verklärten Darstellung auf Instagram spielte eine entscheidende Rolle, wie Wohnmobile von vielfältigen einflussreichen Accounts, Unternehmen und Magazinen vorangetrieben wurden.

Statt der romantisierten Sonnenuntergänge und Freiheitsgefühle sahen sich viele Reisende mit überfüllten, überteuerten, lauten Campingplätzen, sterilen Beton-Stellplätzen, gewöhnungsbedürftigen Sanitäranlagen und einem oft sehr rudimentären Leben in sehr engen Fahrzeugen konfrontiert. Viele haben zudem nicht damit gerechnet, wie intensiv sich die Fahrzeuge im Sommer – vor allem in den heißen Mittelmeerregionen – erhitzen und zu schlaflosen Nächten führen können. Von Regentagen und Kälteeinbrüchen ganz zu schweigen.

Das Duschen in einfachsten Sanitäranlagen, das Hantieren mit den eigenen Fäkalien aus der Campingtoilette und das ständige Spülen von Geschirr stehen im harten Kontrast zu einer Zeit, die sich nach maximalem technischen Komfort sehnt.

Viele hatten nicht damit gerechnet, dass die Ausgaben für solch ein riesiges Gefährt erheblich sein können. Die Inflation, die in den letzten Jahren zugenommen hat, hat diese Kosten weiter erhöht. „Im Allgemeinen verzeichnen junge Gebrauchtfahrzeuge derzeit den stärksten Preisverfall“, heißt es in einem Artikel von Anfang des Jahres von Caravanmarkt24. Dort hieß es im Januar „Verkauf jetzt sinnvoll“, da sich der überdurchschnittlich hohe Wertverlust weiter verschärfen würde. Und heute suchen Tausende Fahrzeuge einen neuen Besitzer…

Der Preis des Vanlife- und Wohnmobil-Wahns: Wer jetzt die Last trägt

Auch ein Blick auf die aktuellen Feeds der einst bekanntesten und glücklichsten Vanlife-Reisenden auf Instagram zeigt schnell: Die voluminösen Blechdinger auf Stränden und Waldwegen, dekoriert mit Lichterketten und schicken Decken, sind virtuell auf wundersame Weise verschwunden. Neue Vanlife-Bücher waren in diesem Jahr kaum noch zu finden, und Magazine wie „einfach los“ wurden bereits Anfang letzten Jahres wegen Unwirtschaftlichkeit eingestellt.

Dauerparker Wohnmobile Belästigung - Reiseblog Bravebird
Schandfleck Autofriedhof unter der Rodenkirchener Brücke direkt am Rhein

Im echten Leben hingegen sind sie omnipräsent: die einst heiß begehrten und liebevoll mit Kosenamen versehenen Kastenwagen, vor sich hin gammelnd unter Autobahnbrücken, auf öffentlichen Parkplätzen oder in Sackgassen am Stadtrand. Das Dauerparken im öffentlichen Raum ist für Wohnmobile legal, diesbezüglich gibt es keine Regeln. Angesichts der aktuellen und zukünftig zu erwartenden politischen Haltung scheint es unwahrscheinlich, dass sich daran irgendetwas ändern wird.

Petition gegen das Dauerparken-Privileg von Wohnmobilen und Vans - Bravebird
Dieses alte Wohnmobil mit abgelaufenem TÜV stand ganze vier Jahre gebührenfrei an derselben Stelle

In Großstädten wie Köln und vielen anderen prägen immer größere Fahrzeuge das Stadtbild. Städte verlieren zunehmend an Ästhetik und die Sicherheitsrisiken steigen durch die eingeschränkte Sicht an vielen Stellen, besonders für Fußgänger und Fahrradfahrer. Mit der Dauerbesetzung von öffentlichem Raum durch diese riesigen Fahrzeuge gehen den Anwohnern Plätze verloren, die sie täglich bräuchten. Die aufwändigere Suche nach Parkplätzen führt wiederum zu erhöhten Emissionen und Reifenabrieb. And so on.

Parkende Wohnmobile und Wohnwagen in Köln - Reiseblog Bravebird
Wer hier am Rhein spazieren gehen möchte, muss woanders parken.

Die kommerziellen Protagonisten haben seinerzeit bei ihrer massiven, eigennützigen Werbeoffensive für Fahrzeuge, die neu mindestens 70 Tonnen Ressourcen weltweit verbrauchen, logischerweise nicht danach gefragt, ob die Allgemeinheit das Überangebot an überwiegend weißen Blechkarawanen mit all seinen sozialen, gesundheits- und umweltschädlichen Auswirkungen einverstanden ist.

Nun sind wir es, die mit diesen Beeinträchtigungen leben müssen, die uns noch über viele Jahrzehnte begleiten werden – von den enormen Einbußen touristischer Einnahmen durch Wildcamper ganz abgesehen.

Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.

Wohnmobile vergammeln in der Stadt - Dauerparken von Wohnmobilen - Reiseblog Bravebird
„Autos sind der Anfang vom Ende der Städte.“ – Paul Virilio

Vielleicht auch interessant:

Geschrieben von
Ute Kranz

Als Gründerin und Inhaberin dieses Reiseblogs teile ich hier seit 2013 meine Begeisterung fürs Reisen und persönliche Geschichten aus meinem Leben.

4 Kommentare

  • Wow, was für ein unglaublich toller Text mit gleichzeitig unglaublich frustrierendem Inhalt. Jetzt schwanke ich zwischen Schadenfreude und Verärgerung :-) Die Konsumgier der Menschen ist wirklich schrecklich und widert mich immer mehr an, ob im Supermarkt oder auf Social Media. Ich weiß auch keine Lösung, vielleicht aufs Land ziehen? Oder ganz woanders hin? Mit Kids leider nicht so einfach. Danke für diesen Beitrag!

    • Hi Robert,
      Danke für deinen Kommentar und das schöne Kompliment! Die Flut von Autos oder das große Rauschen, wie mein Gehör es ausdrücken würde, finde ich wirklich belastend und frage mich auch, ob es auf dem Land besser wäre. Ich fürchte, für mich wäre es nicht das Richtige, zumindest habe ich noch keinen Ort gefunden, wo es mir besser gefallen würde (außer vielleicht im Wendland); auf dem Land wäre ich dann allerdings gezwungen, vermehrt ins Auto zu steigen und das wäre ja eigentlich kontraproduktiv. Finde ich gut, dass du dir Gedanken zu dem Thema machst.
      Viele Grüße
      Ute

  • Liebe Ute, schön, dass man auf deinem Blog wieder Kommentare hinterlassen darf!

    Wichtiges Thema, guter Text. Schade finde ich (diesmal) nur, dass es keine Zuversicht am Ende gibt (Stichwort konstruktiver Journalismus, wir hatten’s ja schon davon). Hast du eine Idee, was man gegen das Problem machen kann?
    Ich denke, dass in unserer kapitalistischen Gesellschaft bei so einem derart riesigen Problem nur wieder eine neue Geschäftsidee (oder die Politik, aber die versagt ja) helfen könnte. Ich meine damit, dass man einen Nutzen für all die unzähligen Kastenwagen-Leichen findet. Schön fände ich zum Beispiel, dass man für jeden Wagen einen Naturkindergarten eröffnet und je einen bis zwei Kastenwagen als Schutzraum dazu gestaltet. Eventuell lassen sich durch Umbaumaßnahmen ja auch mehrere Wagen miteinander verbinden und es könnte neuer Wohnraum entstehen…Tiny-House-Gebiete bestehend aus alten Campern etc.?!
    Ich weiß, dass sind fantastische Spinnereien, aber der Ist-Zustand ist einfach unerträglich und sollte nicht so stehen gelassen werden. Ich hoffe, es tut sich was in der Politik-Landschaft.
    Ganz liebe Grüße
    Tatjana

    • Hallo liebe Tatjana,
      vielen Dank für deinen kritischen Einwand. Aktuell dürfte es inzwischen 1 Million dieser großen Camping-Fahrzeuge und Kastenwagen in Deutschland geben (mit Wohnwagen zusammen nochmal deutlich mehr) und ich für meinen Teil wüsste nicht, wie man diese unglaublich große Zahl derart umfunktionieren könnte, um die ästhetische Beeinträchtigung des Stadtbilds und die Dauerbelastung von Parkflächen zu reduzieren. Mein Ansatz mit meiner damaligen, erfolglosen Petition war, dass auch Wohnmobile (ebenso wie Wohnwagen) nur noch zwei Wochen auf demselben Platz stehen dürfen, um die Besitzer dazu zu bringen, sich einen festen Stell- oder Hallenplatz irgendwo zu mieten. Aber selbst das aktuell bestehende Gesetz mit der 2-wöchigen Frist wird von vielen einfach umgangen, indem der Wohnwagen innerhalb dieser zwei Wochen einfach um 5 oder 10 Zentimeter bewegt wird und damit wieder zwei Wochen kostenfreie Parkzeit zur Verfügung stehen.
      Die meisten Menschen stört es offenbar nicht bzw. sie haben sich daran gewöhnt, daher kann ich an dieser Stelle nur meinem Pessimismus freien Lauf lassen und vermuten, dass sich hier nichts gravierend ändern wird. Ach ja, und dann gibt es auch noch den ADAC, der als Lobbyorganisation überall seine Finger im Spiel hat, seine 20 Mio. Mitglieder entsprechend beeinflusst und mit Camping, Schutzbrief und Abschleppdienst SEHR viel Geld verdient.
      Sorry, das war jetzt noch mehr Pessimismus :) Beim nächsten Thema schaffe ich es vielleicht wieder!
      Liebe Grüße und Danke für die Inspiration
      Ute

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Artikel

Was spricht gegen eine Mitgliedschaft beim ADAC? - Reiseblog Bravebird

7 Dinge, die man über den ADAC wissen sollte

Wenn der ADAC im Radio, Fernsehen oder in Zeitungen erwähnt oder um...

Campingplatz Eifel am Wasser - Reiseblog Bravebird

Eifel – 3 Campingplätze für Naturliebhaber

Die Eifel ist eine Region, die mich seit meiner Kindheit fasziniert. Als...

3 Campingdörfer am Meer Yelloh Villages Portugal - Reiseblog Bravebird

Portugal – 3 Campingplätze in Meernähe für Naturliebhaber

Schöne Campingplätze und Glamping-Unterkünfte mit allem Komfort, den man sich für seinen...

Petition gegen das Dauerparken-Privileg von Wohnmobilen und Vans - Bravebird

Meine Petition gegen das Dauerparken von Wohnmobilen & Vans

Seit ein paar Jahren steht es bereits an derselben Stelle und rottet...