Slow Travel - Reiseblog Bravebird

In den vergangenen 20 Jahren habe ich fast die Hälfte der Welt bereist. Man müsste also annehmen, ich hätte in Bezug auf meine bisherige Reiseziel-Strategie alles richtig gemacht, denn nun habe ich ja noch – wenn alles gut läuft – noch vielleicht 40 weitere Jahre Zeit, den Rest der Welt kennenzulernen. Zumindest war das früher mal mein Ziel. Warum diese Rechnung jedoch nicht aufgeht und was ich heute anders machen würde, möchte ich gerne mal zusammenfassen. 

Die Welt wird zwar physisch nicht kleiner, aber bedingt durch die einfache Erreichbarkeit mittels günstiger Flüge und einer sich stetig verbessernden Infrastruktur rücken selbst weit entfernte Ziele in immer greifbarere Nähe. Im Laufe eines Tages bzw. über Nacht ist man schon in Asien, in der Karibik oder in den USA und in nur wenigen Stunden sozusagen per Katzensprung irgendwo in Europa.

Ebenso wie wir heute schnelle Fertiggerichte zu uns nehmen, bietet sich auch das schnelle Highlight-Hopping von Land zu Land an. Nur ist das wirklich der richtige Weg, ein neues Land und eine fremde Kultur kennenzulernen? Macht das den Sinn des Reisens aus? Meine Ansichten sehen da mittlerweile ganz anders aus als früher und daher hier meine Beweggründe für das langsamere Reisen:

Alle Länder bereisen wollen… warum eigentlich?

Natürlich haben nicht alle das Ziel, jedes Land der Welt zu bereisen. Dennoch ist es für viele eine Art Statussymbol geworden, denn Reisende haben nicht nur immer etwas zu erzählen, sondern die Zahl der bereisten Länder mit der entsprechenden Erfahrung kann einem – entgegen anderer materieller Werte – auch keiner mehr nehmen. Und so gibt es vermehrt Menschen, die sich sozusagen auf den Weg gemacht haben, alle Länder der Welt zu bereisen.

Weltkarte Reiseblog BravebirdDa wäre zum Beispiel die »Ländersammlerin«, die als meist gereiste Frau Deutschlands all ihre Erlebnisse in ein einziges Buch auf 320 Seiten gepackt hat. Über die Hälfte der Bewertungen fiel sehr negativ aus, da die Inhalte oberflächlich seien und keine Tiefe hätten. Oder eine 27-jährige Amerikanerin bereist im Laufe von nur 15 Monaten mit 254 Flügen alle 196 Länder. In jedem Land blieb sie nur 5 Tage und kam für diese Aktion ins Guiness Buch der Rekorde.

Nach meiner heutigen Erfahrung weiß ich, dass oberflächliches Reisen keinen Sinn macht. Man war vielleicht anwesend, hat mal kurz an der Oberfläche gekratzt, aber am Ende war man gar nicht wirklich dort. Wenn ich mich zurückerinnere, bleiben gerade die Reisen besonders in Erinnerung, die mit einem intensiven Kontakt mit anderen Menschen oder anderen tieferen Eindrücken einhergingen und das ist bei den Fasthopping- und Abhak-Reisen nur schwer möglich.

Reduzieren und Prioritäten setzen

Früher war mein Gedanke, in jungen Jahren zunächst die fernen Ziele kennenzulernen und später dann im Alter Europa und Umgebung. Das wäre allerdings hinfällig, wenn ich meinen Wohnsitz im Alter in die Ferne verlegen würde. Daher kann ich heute sagen, dass dieser Plan nicht wirklich Sinn macht.

Mit meiner heutigen Erfahrung würde ich meine Reiseziele immer der zur Verfügung stehenden Reisezeit anpassen.
Das heißt:

Wenig Zeit = Deutschland und Europa
Je mehr Zeit = Je weiter das Ziel

196 Länder klingen nicht nur nach einer wirklich hohen Zahl, sondern sie sind in der heutigen Zeit leider auch nicht mehr alle zu bereisen – zumindest nicht unter normalen Umständen. Laut Travel Risk Map bergen alleine etwa 20 Länder der Welt ein sehr hohes bis extremes Sicherheitsrisiko, weshalb ich mein ursprüngliches Vorhaben an den Nagel gehangen habe und lieber ein einzelnes Land gut kennenlerne als einen Großteil vieler Länder nur oberflächlich.

Von den hiernach verbleibenden 176 Ländern kann man im Prinzip nochmal ungefähr 30 weitere Länder abziehen, da sie entweder weit entlegen, schwer erreichbar oder schlichtweg völlig unbekannt sind. Nauru, Dschibute, Guinea-Bissau oder Tuvalu zum Beispiel werden die wenigsten jemals für eine Reise in Betracht ziehen. Viele afrikanische Länder sind zudem aus gesundheitlichen Aspekten (Malaria, Dengue usw.) bedenklich, wodurch sich die Summe immer weiter reduziert.

Der Weg zu einer durchdachten Life-Travel-Balance

Bekanntlich kommt es immer anders als man denkt. Ich für meinen Teil hatte angenommen, dass ich den Rest meines Lebens mit Reisen verbringen würde. Seitdem ich aber viel Freiheit und Freizeit in meinem Alltag habe, ist das “Ausbrechen” für mich gar nicht mehr so wichtig. Von daher kann ich mich nun genüsslich jedem Land intensiv widmen, das ich noch nicht oder nicht gut genug kenne.

Für diejenigen, die noch nicht so viel gereist sind und sich über eine eventuelle “Lebens-Reise-Strategie” Gedanken machen, möchte ich hier ein paar Gedanken diesbezüglich teilen:

Ein Reiseleben in Zahlen: Gehen wir von einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 75 Jahren aus. Nehmen wir an, du startest mit etwa 15 Jahren und hörst mit 70 Jahren auf, stehen dir also 55 Reisejahre zur Verfügung. Und lassen wir es dann vielleicht 110 interessante Reiseländer sein (was schon extrem viel wäre!), könntest du dir dementsprechend völlig entspannt jedes Jahr “nur” 2 Länder zum intensiven Kennenlernen vornehmen. Selbst 55 Länder insgesamt wären schon eine hohe Zahl und das wäre ein neues Land pro Jahr.

Reisen & Sehnsucht: Versetzt man sich in die 27-jährige Amerikanerin, die schon in diesem jungen Alter jedes Land der Welt gesehen hat: Wie mögen wohl ihre Sehnsüchte für die nächsten 50 Jahre aussehen? Sie hat zwar nur einen Bruchteil von jedem Land gesehen, aber der Reiz für den nächsten Besuch ist erfahrungsgemäß geringer, wenn man die Highlights eines Landes schon abgeklappert hat. Unerfüllte Sehnsüchte sind etwas ganz Wichtiges und halten uns mit Neugier und Vorfreude bei Laune. Freue dich darüber, dass es noch so viel zu entdecken gibt.

Alles ist jederzeit möglich: Selbst die, die erst zu einem späteren Zeitpunkt die Welt erobern wollen, können auch im Alter noch richtig durchstarten, wie es zum Beispiel Heidi Hetzer vorgemacht hat. Mit einem 87 Jahre alten Auto (!) ist die damals 77-Jährige im Laufe von 2 Jahren und 7 Monaten völlig tiefenentspannt durch 60 Länder einmal um die Welt getuckert. Wie Frau Hetzer zeigt, gibt es also keinen Grund zu hetzen.

Trendsetter sein: Gerade heute, wo die Zeit immer schneller zu vergehen scheint, sind Menschen wichtig, die zeigen, dass es auch anders geht. Meiner Erfahrung nach vergeht Zeit langsamer, wenn man sich nicht in engmaschige Terminpläne presst. Mit Slow Travel macht man tiefere Erlebnisse, lernt Umgebung und Menschen besser kennen, spart in den meisten Fällen viel Geld und schont zudem in nicht unerheblichem Maß die Umwelt. Sei einer davon!

Langsam reisen und Umwelt schonen - Reiseblog Bravebird
Wandern und Übernachten hoch oben im Nationalpark bei den 3 Zinnen in Südtirol. Erst zu Beginn der 3. Reisewoche meines Roadtrips fiel mir auf, dass ich noch kein einziges Mal tanken musste.

Weitere Tipps für die Life-Travel-Strategie

  • Bekämpfe den Reiserausch! Früher habe ich viele Länder nur mal eben so “angetoucht” mit dem Gedanken: Wenn es mir gefällt, kann ich ja nochmals kommen. Das Problem ist dabei allerdings, dass viele Orte beim oberflächlichen “Durchrauschen” wenig interessant zu sein scheinen. Daher wird man sie möglicherweise nicht nochmals besuchen wollen, obwohl sie vielleicht eigentlich eine alleinige Reise wert (gewesen) wären.
  • Mach’ dein eigenes Ding! Nein, man muss nicht unbedingt mal in der Antarktis gewesen sein und auch diesen entlegenen Fleck Natur betrampeln. Und du musst auch nicht der Herde zum Massentourismus-Boom auf Bali folgen. Entdecke eigene Plätze, übernachte irgendwo in der freien Natur, gehe wandern, buche dich auf einem Bauernhof ein, setze dich in einen lokalen Bus mit unbekanntem Ziel – mach’ einfach die Dinge, die du gerne machen möchtest und nicht in jedem 0815-Reiseführer stehen. Wenn man mal ehrlich ist, sind das die coolsten Reisen!
  • Mach dir eine Liste! Oh neeeein, früher habe ich beim Wort “Bucket List” immer die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen. Mittlerweile finde ich lockere Langzeitpläne allerdings ziemlich sinnvoll, auch wenn sie am Ende vielleicht gar nicht zu Stande kommen. Aber sie geben einem eine gewisse Richtung, in die man am liebsten gehen möchte. Schreibe dir einfach die 10 Länder auf, die du gerne als nächstes bereisen möchtest und denke darüber nach, wie du sie zu welchen Zeitpunkten am besten und in Ruhe bereisen könntest. Das heißt nicht, das du gleich alles buchen sollst, sondern du lebst damit schon in Vorfreude und bereitest dein Unterbewusstsein positiv auf deine Vorhaben vor. Zudem beugst du mit solchen Plänen einem wilden Herumreisen vor und schonst durch weniger Flüge & Co. die Umwelt.

Reiseplanung Bucketlist - Reiseblog Bravebird

  • Entschleunigung üben! Wer im Alltag viel Stress und Druck hat und jeden Tag mit Tempo 200 durchläuft, wird wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, eine Reise anders zu gestalten – ohne Druck und Dauerbeschallung. Ich habe das viele Jahre so praktiziert und sehe darin rückblickend eine enormen Verlust der Lebens- und Reisequalität. Hierfür muss man sich aber nicht zum Strandurlaub im All-Inclusive-Hotelbunker auf einer einsamen Insel zwingen, sondern sollte sich einfach mal trauen, sich z. B. mit nur einem Ort oder zwei Orten in einem einzigen Land zufrieden zu geben.
  • Langeweile bewusst einplanen! Sie ist eine der gefürchtetsten Feinde im Alltag und auf Reisen – und doch ist sie so wertvoll. Sie holt uns aus unserer Komfortzone und kitzelt meist ganz besondere Momente zutage. Wenn wir vermeintlich alles Sehenswerte von einem Ort kennengelernt oder fernab der Zivilisation kein Netz haben und Langeweile aufkommt, gehen wir meist völlig neue Wege. Wie sagt man so schön: Wenn die Geräusche draußen leiser werden, können wir endlich die Stimme unseres Herzens hören, die uns den richtigen Weg weist.

 

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16 Kommentare

  1. Ein schöner Beitrag! :)

    Ich kann das nur unterschreiben: Je länger ich in einem Land war, desto schöner wurde es meist. Die schönen Sachen überwiegen dann schnell und langfristig, die Negativen gehen im Rauschen unter.

    Ich möchte trotzdem mal eine Lanze für alle “Turbo-Reisenden” brechen :-)

    Ich bekomme z.B. immer wieder Anfragen ob man die Ringstraße in Island in einer Woche umrunden kann und sage dann meist: Na klar. Habe ich nämlich auch gemacht.

    Das ist ein Reisemodus, den ich wirklich gern habe und auch heute noch reise ich in ein neues Land lieber erstmal ein paar Tage als direkt Wochen oder gar Monate zu comitten. Gefällt es mir, recherchiere ich und kehre zurück.

    Heute würde ich die Umrundung in einer Woche selbst nicht mehr machen wollen, aber es war damals trotzdem genau richtig. Nach Neuseeland würde ich aber bspw. auch eher nicht für ne Woche fliegen ;)

    Liebe Grüße!

    1. Hey Marc,
      lieben Dank für deinen Einblick :) Ich bin 3 Wochen um Island gereist und fand das schon knapp – obwohl ich ja eher ein rastloses Seelchen bin. Bei nur einer Woche rundherum würde ich eben genau den “Rausch” empfinden wie das, was ich oben als Erfahrung beschrieben habe: Man springt mal kurz aus dem Auto, macht ein Foto und weiter geht’s. Also jedem das Seine, aus meiner Sicht hat man dabei aber lediglich was gesehen und nicht wirklich erlebt. Für mich ist das nicht mehr Sinn und Ziel des Reisens. Aber ich find’s super, dass du “nur” über Island schreibst und damit deinen Lesern die Möglichkeit gibst, die Insel bestmöglichen kennenzulernen!
      Alles Liebe und bis bald :)
      Ute

  2. Hej Ute,

    wie immer kann ich deine Gedanken sehr gut nachvollziehen und ich kann nur begrüßen, dass Du Menschen rätst nicht zum Reise-Junkie zu werden.

    Wir können sowieso nicht alles sehen innerhalb eines Lebens, so wie wir auch nicht alles lernen und wissen können. Es werden immer weiße Flecken auf unserer persönlichen Karte übrig bleiben und es werden immer Defizite bleiben. Das Konzept ständig Defiziten hinterher zu rennen anstatt sich nur um das zu kümmern was einem Freude macht und leicht fällt hat mir in der Schule schon nicht gefallen.

    Abhaken bringt keine Freude und auch selten besondere Erlebnisse. Es gibt zwar noch Länder, die ich gerne bereisen würde, aber ich würde mir diesbezüglich keine Liste machen wollen. Persönliche Interessen schwanken ja auch von Zeit zu Zeit. Ich notiere mir immer wieder Termine von Konzerten, die ich besuchen könnte. Letztendlich verliere ich bei vielen davon das Interesse schon bevor der Termin in greifbare Nähe rückt. Oft ist es besser Dinge ganz spontan zu entscheiden und sich einfach treiben zu lassen. Es passieren dann viel öfter Dinge mit denen man nicht rechnet oder man entdeckt Orte, die in keinem Reiseführer erwähnt werden. Die Autoren von Reiseliteratur wissen ja schließlich nicht, was mir gefallen könnte. Daher benutze ich oft gar keine Reiseführer – nur gelegentlich für praktische Hinweise.

    Anfangs habe ich beim Reisen auch oft den Fehler gemacht, möglichst viele Sehenswürdigkeiten in eine Reise zu packen. Aber das artet dann zu einer Hetzjagd aus und bringt vermutlich genausoviel Erlebnis als würde ich mir einen Bildband der Orte ansehen. Wer weiß den schon was ich alles entdecken und erleben würde, wenn ich länger an einem Ort bleiben würde? Und ist es wirklich interessanter viele Länder bereist zu haben als sich in der eigenen Heimat gut auszukennen? Als Kinder haben wir jeden Pfad, jede Abkürzung durch Gärten, Hausflure, Keller oder Hecken gekannt. Das war wahnsinnig spannnend und dazu musste man gar nicht weit weg von Zuhause sein.

    Kurzes Verweilen verhindert auch meist das Eintauchen in die Sitten und in die Mentalität der Menschen, die dort leben. Man kann das “Andersartige” gar nicht wirklich erfassen oder verstehen. Das ist doch schade und für mich genauso unverständlich wie jedes Jahr an den Gardasee zu fahren um dort Kassler mit Sauerkraut zu essen.

    Insgesamt finde ich deinen Tipp “Mach’ dein eigenes Ding” am wertvollsten! :))

    Liebe Grüße
    Hans-Jörg

    1. Lieber Hans-Jörg,
      vielen Dank für deinen wie immer tiefgründigen Beitrag, dem ich – ebenfalls wie immer – nichts hinzuzufügen vermag. Ich freue mich auf einen weiteren Austausch, bis bald und viele Grüße
      Ute

  3. Hey Ute, um dieses Thema kreisen meine Gedanken auch gerade. Meiner Meinung nach verstärken soziale Medien sehr das Bedürfnis danach, einfach “alles” zu sehen. Allein, was man so mit einem kurzen Blick auf z.B. Instagram sieht, sorgt ja schon für mindestens fünf neue Ziele auf der persönlichen Reisewunschliste. (Und ich gebe zu, ich bin auch Teil des Ganzen :) ) Und dazu kommt ja noch, dass Reisen eigentlich wie eine Sucht wirkt, zumindest bei mir: Je mehr ich reise, desto länger wird die Liste der anderen Orte, die ich auch noch sehen will. Trotzdem erwische ich mich immer öfter bei dem Gedanken , ob ich nach ein paar Wochen in einem Land wirklich genug für mich mitnehme. Oft hätte ich gerne noch andere Orte gesehen – oder einfach nur mehr Muße gehabt, um Land und Leute auf mich wirken zu lassen. Nur braucht man dafür wirklich Zeit, und die haben die meisten nicht. Selbst meine 6 1/2 über das Jahr verteilten freien Monate kommen mir da wenig vor, um sich auf ein paar wenige neue Reiseziele zu konzentrieren. Weil ich einfach immer öfter mal länger bleiben möchte. Und nicht ständig einem Plan hinterherrennen will.
    Die Story von der Rekord-Amerikanerin habe ich übrigens auch gelesen, und da kamen für mich auch Fragen auf. Hat man dann wirklich die ganze Welt gesehen? Sind die Ausschnitte der Länder, die man sieht, dann wirklich etwas wert? Mich würde es nicht glücklich machen. Eher im Gegenteil. Aber das ist eben auch: Jeder hat andere Reisegewohnheiten und -Prioritäten – die sich vielleicht mit der Zeit ändern. Ich hatte auch einen festen Plan für meine (Reise-)Rente, nämlich gar nicht mehr reisen und direkt im Süden wohnen. Aber wer weiß, das ändert sich bestimmt auch noch mal und ich klappere mit 85 die halbe Welt in drei Tagen ab.
    Danke für diesen Gedanken anregenden Post,
    Tatiana

    1. Hallo liebe Tatjana,
      freut mich sehr, dass du dein Tempo beim Reisen auch hinterfragst. Und Wahnsinn, dass du über die Hälfte des Jahres Zeit zum Reisen hast – da kannst du dir ja wirklich viel Zeit mit allem lassen :) Das Tempo muss natürlich jeder für sich selbst bestimmen und es ist zum Großteil sicher auch typabhängig. Ich bin vor ein paar Jahren mal mit einem Freund verreist, der mit mir zwei Wochen lang nur an einem Ort bleiben wollte – für mich damals total ungewöhnlich, aber am Ende war es ein prägnanter und erinnerungswürdiger Urlaub, weil man die kleinen Dinge schätzen gelernt hat :)
      Liebe Grüße und weiterhin gute Reise!
      Ute

  4. Hallo Ute,
    ein schöner Beitrag. Genau so ist es. Die Reisen müssen nicht unbedingt zu den fernen Zielen gehen und trotzdem sehr spannend sein. Ich habe nichts gegen Neuseeland, Bora Bora oder Antarktis, aber mir fehlen dafür Zeit und Geld. Daher verreise ich fast jeden Monat am Wochenende ins Zillertal, Lechtal, nach Südtirol oder an den Gardasee, um dort spannende Wanderungen zu unternehmen (mittlerweile sogar im Winter). Drei- bis viermal im Jahr geht es ans Mittelmeer oder auf die Kanarischen Inseln und diese Urlaube sind alles andere als langweilig. Im September bin ich alleine auf Korsika auf einem der schwierigsten Fernwanderwege Europas, dem GR20, gewandert und schwärme bis heute davon. Letzte Woche war ich zum dritten Mal auf Gran Canaria, habe diesmal wenige Orte, aber intensiv, beim Wandern erkundet.
    Ich würde gerne mehr reisen, aber es ist schwierig, weil ich einen schulpflichtigen Sohn habe. Zukünftig will ich mit ihm häufiger verreisen. Vielleicht wird im nächsten Sommer ein längerer Urlaub in Norwegen oder auf Island möglich sein.
    Obwohl ich nicht alle Länder bereisen will, fühle ich mich am glücklichsten auf Reisen und Touren. Ich bin lieber ein glücklicher Reise- und Outdoor-Junkie, der weiss, was ihn glücklich macht als ein unglücklicher Couch-Potato, der dauernd neue Sachen ausprobiert, um festzustellen, dass es wieder nichts für ihn war.
    Liebe Grüße
    Ina

    1. Hey Ina,
      klasse Einstellung mit schönen Zielen, bei denen ich mittlerweile die Alpenregion sehr ins Herz geschlossen habe. Wünsche dir weiterhin so tolle Outdoor-Erfahrungen und liebe Grüße zurück!
      Ute

  5. Ich habe das nie verstanden, dass jemand z.B. nach Italien reist, dann von Venedig nach Mailand nach Florenz nach Rom und nach Pompei hüpft und wieder wegfliegt. DAs alles in 8-10 Tagen. Was für ein Stress. Ich war einen Monat in Florenz – und ich hätte noch länger bleiben können. Dieses Jahr war ich mit meiner Familie für eine Woche dort. Alle fragten mich, was sie denn eine ganze Woche in einer Stadt tun sollten und am Ende waren alle dankbar, mehr gesehen und erlebt zu haben, als die überfüllten Hotspots um Dom und Ponte Vecchio. Mir ist auch oft aufgefallen -was du ja auch schreibst – dass Leute, die Florenz im Vorbeifahren schnell mitnehmen, die Stadt nicht mögen. Denn sie sei so überfüllt. Klar ist sie das. Wenn man genug Zeit hat, kann man aber auch die anderen Seiten entdecken.
    Ich könnte Jahrelang nur nach Italien fahren und würde dort immer etwas neues entdecken. Und dabei hätte ich keinen einzigen Stempel im Pass und kein einziges weiteres Land abgehakt auf meiner Liste… Das Bedürfnis hatte ich zum Glück noch nie.

    LG, Ilona

    1. Hallo liebe Ilona,
      wie schön, dass du Italien auch so gerne hast! Es ist mein meist besuchtes Land und wird es wohl auch immer bleiben :) Alles Liebe und vielen Dank für deinen Kommentar,
      Ute

  6. Genauso sehe ich es auch, dieses Ländersammeln ist einfach nicht meins. Wenn wir reisen erleben wir so viele vertvolle Geschichten, die uns ein Leben lang begleiten. Weshalb sollten wir uns das entgehen lassen? Nur weil wir schnell reisen müssen/wollen/sollen? Neee. :)

    Vielen Dank für diesen Beitrag! <3

    Zauberhafte Grüsse
    Nicky

  7. Interessanter Beitrag, finde es aber teils schwierig, da die Ansprüche der Menschen an ihre Reisen wohl so unterschiedlich und vielfältig sind wie eben alle anderen Geschmäcker auch. Ich habe am Flughafen in Südafrika mal einen älteren Herren kennengelernt, der trotz Gebrechen diese Reise angetreten war, was aber nur durch die Unterstützung der Reisegruppe möglich war. Die sind auch ganz schön durchgeheizt, aber der alte Mann war der glücklichste auf der Welt, weil er in seinem hohen Alter noch so viel in so kurzer Zeit bestaunen konnte. Ich denke Reisen und die Wünsche die man dabei hat sind so individuell. Beim Umwelt-Aspekt gebe ich dir vollkommen recht! 👍 Gute Nacht & lieben Gruß :) Jana

    1. Hallo liebe Jana,
      auf jeden Fall sind die Wünsche und Reisen vollkommen individuell, daher hatte ich z. B. auch die etwas ungewöhnliche 77-jährige Heidi erwähnt :) Wenn man sich bewusst macht, dass man eigentlich wahnsinnig viel Zeit zum Reisen im Leben hat (sofern nicht etwas dazwischen kommen sollte…), kann man einfach entspannter planen, reisen und muss nicht alles auf einmal erleben – aus meiner Sicht macht das am Ende mehr Sinn. Aber auch das teilt natürlich nicht jeder :)
      Alles Liebe zurück und ebenfalls gute Nacht!
      Ute

  8. Länder abhaken ergibt nicht viel Sinn. Das sehe ich auch so. Trotzdem bin ich mit dem meisten, was du hier schreibst, nicht einverstanden.

    Gerade wer jung ist, sollte sich zunächst einen Überblick verschaffen, was es auf der Welt gibt und was einem gefällt. Und wenn dabei so eine absurde Aktion wie bei der genannten Amerikanerin rauskommt: Wieso auch nicht? Sie hat ein – zugegeben oberflächliches – Gefühl von den Reisezielen bekommen, das sie nun punktuell vertiefen kann. Oder glaubst du ernsthaft, dass sie sich die nächsten 50 Jahre in der Wohnung einsperren wird, weil sie schon “alles” gesehen hat?

    Damit einhergeht die schwer nachvollziehbare Annahme, dass der Besuch der Hauptsehenswürdigkeit eines Landes das Interesse an mehr erlöschen lässt. Es ist doch eher das Gegenteil der Fall: Je mehr man sich mit etwas auseinandersetzt, desto grösser wird das Interesse. Vielleicht ist das bei dir anders, aber die meisten Leute die kenne, erzählen, dass die Bucket List mit jeder Reise länger wird. Ich gehöre auch zu dieser Art.

    Auch wenn ich nicht finde, dass man jedes Land der Welt besucht haben muss, finde ich deine Zahl von nur 110 spannenden Ländern nicht so wirklich haltbar. Djibouti zum Beispiel ist ein ausgesprochen interessantes Reiseziel, das bei mir schon lange auf der Liste steht. Das gleiche gilt für gefährliche Länder wie den Irak, Syrien oder Afghanistan. Sie alle haben unglaublich viel zu bieten und stehen bei mir ebenfalls auf der Bucket List. Auch wenn ich sie derzeit nicht besuchen würde, bin ich doch zuversichtlich, dass das in den 30 bis vielleicht 40 Reisejahren, die ich noch habe, wieder möglich sein wird.

    Und damit kommen wir zu meinem letzten Einwand: Nein, nicht alles ist jederzeit möglich. Nicht jeder wird 87 Jahre alt und ist dann noch so fit, dass er oder sie 60 Länder besuchen kann. Bereits jetzt gibt es Ziele, die ich vor 20 Jahren noch locker besucht hätte und die ich mir heute eher nicht mehr antun würde. Mit 60 oder 80 bin ich – wenn ich dann noch lebe – noch mehr eingeschränkt. Deswegen: Hetzen bringt nicht viel und wir sollten uns Zeit für echte Erlebnisse nehmen. Aber wir dürfen dabei eben auch nicht vergessen, dass unser Leben ein stetiger Kampf ist gegen unsere eigene Vergänglichkeit.

    1. Oliver, einerseits bin ich irritiert über deine sich wiederholenden, kritischen Beiträge, andererseits freue ich mich darüber, dass sich Leser der Zielgruppe hier einfinden, die ich u. a. erreichen wollte. Natürlich erhebe ich nicht den Anspruch, dass sich die Fast Traveller der heutigen Zeit durch solch einen Beitrag plötzlich zu tiefgründigen Genussreisenden und Umweltaktivisten entwickeln, aber vielleicht konnte ich bei dem einen oder anderen zu einem Denkanstoß beitragen.

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