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Buchvorstellung: „Lovely Planet“ von Maria Kapeller

Buchvorstellung: „Lovely Planet“ von Maria Kapeller

Buchvorstellung und Interview Lovely Planet von Maria Kapeller - Reisemagazin Bravebird

Ein nachhaltiges Reisebuch wird morgen das Licht der Bücherwelt erblicken und ich freue mich sehr, diese neue Inspirationsquelle hier vorstellen zu können. Die Journalistin Maria Kapeller ist vom Dorf in die Welt gezogen und wieder zurückgekehrt. Die Beobachtungen, die sie auf ihren Reisen gemacht hat (Konsum, Übertourismus, zugemüllte Strände etc.), haben nicht nur ihre Art zu reisen verändert, sondern auch diverse Lebens- und Gesellschafts-Fragen aufgeworfen.

Von den Reisebüchern mit „ultimativen Tipps“ für nachhaltiges bzw. grünes Reisen gibt es mittlerweile etliche, jedoch hat mir persönlich bisher immer ein Buch gefehlt, das sich nicht nur mit Zahlen und Fakten beschäftigt, sondern auch die gesellschaftlichen, ethischen und sozialen Aspekte näher beleuchtet. Besonders gut gefällt mir dabei das Hinterfragen der heutigen, persönlichen Motivation für das Reisen.

Maria Kapeller Interview Lovely Planet
© Jasmin Walter

Um „Lovely Planet“ noch etwas mehr Persönlichkeit zu verleihen, habe ich mir gedacht, gemeinsam mit der Autorin noch ein wenig hinter die Kulissen ihres Buchs zu blicken. Here we go:

1. Maria, was hat dich veranlasst, ein kritisches Buch über das Reisen in der heutigen Zeit zu schreiben?

Das war ein jahrelanger Prozess. Hätte ich das Buch vor zehn Jahren geschrieben, wäre es ein ganz anderes geworden. Damals vermutlich mehr im Stil von „Die Weltreise als Selbstfindungstrip“ oder „Nur Mut zur Weltreise“. Es kam dann aber anders: Als Reisejournalistin, Reisebloggerin und Reisende war ich in vielen Rollen. In allen diesen Rollen ist mir mit den Jahren bewusst geworden, wie unfair, unsolidarisch und ökologisch zerstörerisch das Reisen mitunter sein kann.

Ein ausschlaggebender Moment dafür war in einem Hostel in Kambodscha: Eine junge Frau aus Frankreich fragte an der Rezeption nach einem zweiten Handtuch. Die Rezeptionistin erklärte ihr höflich, dass sie dafür einen sehr geringen Geldbetrag verlangen müsse. Ich glaube, es waren umgerechnet so um die 50 Cent. Dazu muss man wissen: In Kambodscha ist sauberes Trinkwasser keine Selbstverständlichkeit und es gibt Probleme mit der Abwasserentsorgung. Nur verständlich also, dass das Hostel mit Handtüchern sparsam umging. Die Reaktion der Französin ließ mich fremdschämen: Sie beschwerte sich lautstark, beschimpfte die Hotelmitarbeiterin und stapfte wutentbrannt davon. 

Nach vielen Reisejahren mit ähnlichen Erlebnissen habe ich mich immer mehr gefragt: Warum behaupten wir, die Welt zu schätzen – und gleichzeitig tun wir ihr mit unseren Reisen oft wenig Gutes? Haben wir das Recht, uns an der Welt wie an einem internationalen Büfett zu bedienen, nur um uns persönlich zu bereichern? Warum schauen wir nicht auf die Umwelt und auf die „bereisten“ Menschen, wenn uns der Planet doch angeblich so am Herzen liegt? Ich wollte eine Gegenwelt zur schön eingefärbten Urlaubsidylle aufzeigen – nicht künstlich erschaffen, sondern einfach sichtbar machen.

2. Wo liegt deiner Meinung nach das größte Problem, dass wir so schleppend vorankommen beim Thema „Nachhaltiges Reisen“?

Wir leben in einer Welt, in der wir uns als Menschen eigentlich gar nicht „artgerecht“ verhalten. Wir leiden unter Stress, Lärm, Leistungsdruck und bewegen uns viel zu wenig in der Natur. Das Reisen ist die letzte Legitimation dafür, einfach nur einmal Sein zu dürfen. Ich denke, dass wir im Urlaub alles kompensieren möchten, was im anstrengenden Alltag unter die Räder kommt. Das scheint so existenziell wichtig für uns zu sein, dass die durchs Reisen verursachten Probleme zweitrangig werden oder verdrängt werden.

Hinzu kommt ein sehr wichtiger Faktor: In unserem System ist umweltschädliches Handeln die Norm. Umweltfreundlich zu reisen ist oft mit mehr Aufwand, mit höheren Preisen und vor allem auch mit dem Ändern von Gewohnheiten verbunden. Das stellt uns vor viele Herausforderungen. Da ist es einfacher, wie gewohnt weiterzumachen. Um von innen heraus verträglicher zu reisen, müssten wir zuerst ein Stück weit innehalten und uns der vielen Schieflagen sowie unserer eigenen Antworten darauf bewusst werden. 

3. Dein Buch enthält viele sehr interessante Interviews. Welches hat dich besonders beeindruckt?

Ich bin sehr dankbar, dass sich die Interviewpartner*innen die Zeit für die Gespräche genommen haben. Obwohl die meisten von ihnen nicht explizit zum Thema Reisen forschen oder sich beruflich damit befassen, war ihnen das Thema allesamt ein riesiges Anliegen. Für mich war es beeindruckend, in die Welt der Philosophie und der Ethik einzutauchen. Persönlich am meisten zum Nachdenken haben mich die Worte von Niko Paech, einem Postwachstumsökonom, gebracht.

Er bringt klipp und klar auf den Punkt, was so oft nicht ausgesprochen wird. Etwa: Fliegen ist das umweltschädlichste, was ein einzelner Mensch tun kann. Oder: Billigflieger haben die Welt nicht zu einem besseren, friedlicheren Ort gemacht. Mir war es wichtig, auch seine Gedankengänge im Buch zu haben, obwohl sie nicht immer im Gleichklang mit jenen der anderen Gesprächspartner*innen sind.

4. Wenn du einen Zauberstab hättest: Was würdest du in Bezug auf das Reisen von jetzt auf gleich ändern wollen?  

Ich würde jedem Menschen die Möglichkeit geben, einmal so richtig zur Ruhe zu kommen, viel Zeit in der Natur zu verbringen und sich darüber klar zu werden, was ihn im Inneren wirklich zufrieden macht. Somit bestünde die Chance, dass wir uns künftig mit einem anderen Bewusstsein auf den Weg machen. Wenn es immer normaler und einfacher wird, verträglicher zu reisen, wird das vielleicht der zukünftige Standard. Was ich mir für die „bereisten“ Menschen wünsche, ist ein sicheres, erfüllendes, gut versorgtes Leben in Würde.

Bei all diesen Gedanken gilt aber: Der Tourismus ist in ein sehr unfaires Weltsystem eingebettet, man kann ihn nicht herausnehmen und unabhängig von allen anderen Facetten betrachten. Deshalb müssten vor allem systemische Ursachen wie soziale Ungleichheit und Überreichtum beendet werden. Dann wären die Menschen in manchen Regionen weniger abhängig vom Tourismus. Das hieße zugleich weniger internationale Flüge. Auch deshalb, weil die Reichen weniger Geld hätten und auf ihre Privatjets verzichten müssten. Für all das bräuchten wir tatsächlich einen Zauberstab. 

5. Welche Hoffnung und Botschaft möchtest du mit deinem Buch in die Welt tragen?

Wir Reisende sind extrem privilegiert, dass wir uns überhaupt so frei durch die Welt bewegen können. Ich habe die Hoffnung, dass wir das erkennen. Und den Wunsch, dass wir uns mit uns selbst, mit der Natur und mit anderen Menschen wieder mehr verbunden fühlen. Das würde uns erden und im existenziellen Sinn berühren. Vielleicht würden wir dann ein Stück weit das finden, was wir ins große Sehnsuchtsthema Reisen so gern hineininterpretieren.

Die Botschaft ist deshalb auch ein bisschen: Reisen wir doch erst einmal zu uns selbst, bevor wir die Welt mit unserem Abenteuertrieb und unseren Selbstfindungstrips „beglücken“. Es geht auch nicht darum, das Reisen schlecht zu reden oder abzuschaffen. Sondern darum, anzuerkennen, dass es enorm hedonistische Ausmaße angenommen hat. Und auch um die Frage, mit welcher inneren Haltung wir uns durch die Welt bewegen und inwiefern wir dabei auf den Zustand des Planeten achten.

Mir ist es wichtig, nicht einfach ein paar Tipps für „nachhaltiges Reisen“ aufzuzählen. Ich mache selbst bei weitem nicht alles richtig, so will ich mich auch nicht darstellen. Sondern ich möchte einen Denkraum öffnen, in dem wir darüber diskutieren, warum wir überhaupt reisen und wie es anders gehen könnte. Erst so beschäftigen wir uns wirklich mit dem Thema, anstatt weiterzumachen wie bisher – nur eben mit „grünem Mascherl“ und reingewaschenem Gewissen.

Das ist doch auch der eigentliche Sinn des Reisens: Austauschen, konfrontiert sein, die Perspektiven wechseln, begreifen – und die Route ändern, wenn es nötig scheint.

Vielen Dank, liebe Maria, für das schöne Interview und dass du dir die Zeit für dieses meiner Meinung nach wichtige Buch genommen hast.

Wer mehr über das Buch erfahren möchte:

Bestellen kannst du es am besten in der Buchhandlung in deiner Nähe.

Titelfoto: Jasmin Walter

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