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Jetzt ist er aus, der Traum!

Jetzt ist er aus, der Traum!

Bloggen als Beruf oder Hobby - Reiseblog Bravebird

Manchmal kann eine banale Frage einen Stein ins Rollen bringen, dessen Auswirkung man in der aktuellen Situation gar nicht für möglich gehalten hätte. Und wenn diese banale Frage dann plötzlich zu einer glasklaren Entscheidung führt, erscheinen die vorangegangenen Zweifel retrospektiv irgendwie unwirklich.

Genau genommen waren es in den vergangenen Wochen drei Fragen, die – heute möchte ich sagen »endlich« – zu einer wichtigen Entscheidung beigetragen haben. Die Antworten darauf ergaben einheitlich das Resultat, dass dieser Reiseblog nicht weiterhin mein hauptberuflicher Fokus sein darf. Aber ich möchte gar nicht lange auf die Folter spannen:

1. Frage: “Möchten Sie Ihren Reiseblog verkaufen?”

Bislang hatte ich mir in den vergangenen acht Jahren noch nie Gedanken darüber gemacht, dieses virtuelle Kapital zu verkaufen. Seitdem ich mich mit den ersten Einnahmen über diesen Blog 2015 selbstständig gemacht habe, habe ich mir bis zuletzt einen guten Weg erhofft, mit dieser Arbeit ein mindestens ausreichendes Einkommen zu erzielen.

Ja, man kann mit einem Reiseblog Geld verdienen und das sogar auch sehr gut, wenn…

  • man ohne Ende Werbung und Affiliate-Links in seine Beiträge ballert
  • einem Nachhaltigkeit unwichtig oder egal ist
  • man sehr viel Zeit in sehr viel Content investiert
  • man eigene Produkte wie Bücher, E-Books, Online-Kurse etc. entwickelt
  • man regelmäßig Produkte im Blog und auf Instagram bewirbt
  • es nicht leid wird, ständig supergute Laune, Glück und Happiness zu verbreiten.

Am Ende ist es ein ganz normaler und oft auch sehr zeitintensiver Beruf wie jeder andere auch. Nur mit dem Unterschied, dass man lustiger Weise keinen Urlaub mehr macht, sondern man dort, wo andere sich gerade entspannen, mit der Kamera durch die Gegend läuft, um möglichst repräsentative Fotos für seine ganzen Kanäle zu machen.

Mein Traum vom Reiseblog früher
Die Realität des Reiseblogs heute
Zu tollen Reisezielen eingeladen werden und somit kostenlos reisen In meist sehr kurzer Zeit (sehr) weit reisen = extrem klimaschädlich.
Mit Pressereisen und Werbung gutes Einkommen generieren Die meisten Kooperationspartner möchten am liebsten nichts oder wenig ausgeben.
Annehmlichkeiten wie z. B. kostenlos Produkte erhalten Diese kostenlosen Produkte muss man als Einnahme versteuern.
Leser:innen tolle, besondere Reisetipps vermitteln Reiseblogs mit hoher Reichweite bzw. gutem Einfluss fördern Massentourismus.
Ortsunabhängig arbeiten und leben können Grundsätzlich nett, hat aber – wie alles im Leben – auch viele Nachteile.
Insbesondere Frauen zum Alleinreisen ermutigen. Top! Das war und ist ein wirklich lohnenswerter Effekt. #femaleempowerment
Durch die öffentliche Präsenz ergeben sich viele mediale Möglichkeiten. Hat sich bewahrheitet und ist Gold wert. Zumindest mentales Gold…

Wenn man also kein Werbehörnchen sein möchte, das alle möglichen Produkte freundlich lächelnd in die Kamera hält, müssen Alternativen her und das wird mit wachsendem Umweltbewusstsein immer schwieriger. Pressereisen sind meist nur für wenige Tage vorgesehen mit relativ weiter Entfernung und das möchte ich heute weder selbst durchführen noch auf dem Blog anbieten. Und da die wenigsten Produkte wirklich nachhaltig sind, fallen auch hier die meisten Kooperationen durchs Raster.

Von den Reiseblogger:innen, die in der Zeit damals neben mir bekannt geworden sind, haben zwei ihre Blogs verkauft, andere haben gleich alles gelöscht und andere sind nicht mehr aktiv. Inzwischen habe auch ich etwa 15% meiner Reise-Artikel vom Blog entfernt und es wird auch noch ein paar weitere geben, die heute nicht mehr meiner Überzeugung entsprechen.

Fazit: Nein, verkaufen werde ich diesen Reiseblog nicht. Löschen wäre auch nicht der richtige Weg, denn er stellt nach wie vor eine wichtige Plattform für neue Projekte und Kontakte dar. Für mich ist nur entscheidend, dass er nicht mehr “Hauptberufliche Tätigkeit” ist, denn ich habe weder Lust auf unpassende Werbung, die mir jedes Mal ein Stück Authentizität raubt, noch auf Pressereisen, die ich inhaltlich selbst so nicht durchführen würde oder gar nicht zu mir passen.

2. Frage: “Welche Reisen waren Ihre abenteuerlichsten?”

Als mich eine Journalistin mit dieser Frage konfrontierte, musste ich erst einmal länger überlegen. Ich dachte an meine ersten Reisen damals mit meinem Freund nach Ko Samui oder Bali, wo wir noch nicht einmal eine Fotokamera dabei hatten und in kleinen 15 Dollar-Hütten am Strand wohnten, die wir uns mit wirklich großen Spinnen teilen mussten. Und dann fielen mir viele weitere abenteuerliche Erlebnisse auf Reisen ein, die fast alle vor der Gründung dieses Reiseblogs stattfanden. Warum war das so?

Authentisch reisen in der Mongolei - Reiseblog Bravebird
↪ Übernachtung in der Jurte irgendwo mitten in der Mongolei

Im Grunde ganz einfach: Anhand der Blogbeiträge und Fotos stellt man schnell fest, dass Abenteuer, authentische Kontakte mit Einheimischen und aufwändigere Reisen nicht so interessant sind. Und da man natürlich viele Leser:innen gewinnen möchte (- denn je mehr Reichweite, umso mehr Aufträge -), tastet man sich nach und nach an die Themen heran, die eine möglichst große Reichweite erzielen. Das sind in logischer Konsequenz meist Massentourismusziele.

Fazit: Ich muss mir eingestehen, dass ich von dem, was Reisen eigentlich immer für mich ausgemacht hat, durch den Reiseblog teilweise stark abgewichen bin. Für mich war der Kontakt mit Einheimischen immer sehr wichtig, um das Leben und die Kultur der Menschen im Reiseland besser verstehen zu können. Dahin möchte ich wieder zurück, allerdings ohne Publikum, Likes & Top 10-Must-See-Places für Leser, und träume derzeit von einer Weltreise zu Fuß.

3. Frage: “Würden Sie dieses Produkt kostenfrei promoten?”

Start-ups, Leute mit Herzensprojekten, große Konzerne… viele gehen davon aus, dass man kein Problem damit hat, ein Produkt, ein Projekt oder was auch immer kostenfrei auf seiner Plattform zu bewerben. Wer Reiseberichte schreibt, wird automatisch in den großen Pool der “Blogger:innen” und “Influencer:innen” geworfen – ob man will oder nicht. Wie ich es auch in meinem Artikel Beruf Reiseblogger & Influencer – Lohnt sich das noch? beschrieben habe, ist es schwer, sich davon zu distanzieren.

Wenn ein Blog noch oder nur ein Hobby ist, machen kostenlose Reisen und Produkte Spaß. Sobald man damit aber seinen Lebensunterhalt verdienen muss, ist sofortiges Umdenken wichtig, denn ab diesem Zeitpunkt ist jede kleinste Tätigkeit als “Arbeit” anzusehen, die auch als solche vergütet und wertgeschätzt werden sollte. Das muss man sich nicht nur selbst, sondern auch seinem Gegenüber deutlich klarmachen. 

Fazit: Die Corona-Pandemie hat die Problematik eines Blogs nochmal verdeutlicht: Man schreibt Artikel, erzeugt Content, betreibt Recherche und bespielt seine Kanäle. Aber in einer Zeit, in der die Aufträge ausbleiben, arbeitet man trotzdem über ein ganzes Jahr hinweg, ohne mehr als 100 Euro im Monat zu verdienen. Und das muss aufhören, denn so viel Mutter Theresa bin ich nicht.

Wie geht es hier in Zukunft weiter?

Was ist nachhaltiger Tourismus - Reiseblog Bravebird

Der Klimawandel verlangt uns viel ab, wenngleich die Leidtragenden in erster Linie die sind und sein werden, die mangels Geld und Möglichkeiten nicht mal eben umziehen oder irgendwo anders ein neues Leben aufbauen können. Wir werden in vielen Bereichen von unserem vergleichsweise dekadenten Lifestyle etwas zurückrudern müssen und das ist gerade in Bezug auf das Reisen eine echt schwierige Angelegenheit.

Während die Umstellung z. B. auf eine vegane Lebensweise eher einfach ist, weil man damit sein Leben völlig normal ohne Einbußen weiterführen kann, ist ein nachhaltiges Reiseverhalten extrem schwierig, da die Alternativen fehlen. Eine Fernreise zum Traumziel Neuseeland kann man nicht mal eben alternativ zu Fuß bewältigen – und das schmerzt nicht nur, sondern löst auch Frustration aus.

Der Reiseblog als Hobby: Endlich wieder 100% authentisch sein können

Wenn es jetzt nicht mehr auf die Zahl von Views, Likes und Kommentaren ankommt, kann ich mich dem widmen, was mir mittlerweile am wichtigsten ist und wo ich mir im Laufe der Jahre ein recht umfangreiches Wissen angeeignet habe: Nachhaltiges Reisen! In Magazinen, Büchern und in den sozialen Kanälen fallen mir so viele problematische Themen auf, dass ich es mir nicht nehmen lassen möchte, diesbezüglich mehr Aufklärung zu betreiben.

Viele Aspekte und Trends im Reisesektor beobachte ich mit großer Sorge und hier ist meiner Meinung nach unbedingt eine Gegenbewegung wichtig, die bislang mikroklein ist. Warum? Weil man damit eben kein Geld verdient und oft Hate und Abwertung abbekommt. Es gibt umweltfreundlichere Alternativen und Kompromisse und hier möchte ich in Zukunft auch weiterhin meinen Beitrag leisten bzw. möchte unbedingt kritischer werden können.


Wer sich für meine Historie in Bezug auf den Konflikt “Reiseblog & Umwelt” interessiert, kann in diese Artikel einmal reinschauen:

Zeige Kommentare (14)
  • Liebe Ute,

    Vielen lieben Dank, dass du diesen Reiseblog erstellt hast, bin erst 2015 darauf aufmerksam geworden. Es freut mich, dass du dir so viele schöne Flecken auf der Erde ansehen konntest. Ich wünsche Dir viel Erfolg in deinem neuen Arbeitsumfeld/ Arbeitgeber und in deinem Privatleben. Danke dafür, dass du sehr realistisch geschrieben hast, ich hatte sehr gehofft, dass es sich wenigstens finanziell für Dich gelohnt hätte.

    • Liebe Erika,
      vielen herzlichen Dank für die guten und lieben Wünsche! Finanziell gelohnt hat es sich für mich bis auf wenige Monate nicht, aber das war in dieser Phase auch völlig in Ordnung so.
      Ich wünsche dir noch einen schönen Sonntag und viele Grüße
      Ute

  • Liebe Ute,
    was für ein großer und ehrlicher Schritt. Herzlichen Glückwunsch zu Deinem Mut und das Du bei Dir bleibst.
    Danke das Du uns an Deiner Entwicklung und den Weg zu Deinen verändert Werten und Sichten teilhaben lässt. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht immer einfach ist und das Du das eine oder andere Mal vor dem PC gesessen hast und gedacht hast : “Soll ich jetzt wirklich “Veröffentlichen” drücken?”
    Mut und Authentizität zahlt sich (meiner Erfahrung nach) immer aus.
    Ich hoffe, Du findest die Leichtigkeit bei den Dingen die Dir Spaß machen wieder, jetzt wo es wieder einfach nur schöne Dinge sind (und nicht der Job).
    Ich würde mich freuen hier weiter von Dir zu lesen, doch wenn Du denkst: “Jetzt ist Zeit für etwas anderes.” dann ist das Deine Entscheidung und muss für uns Leser völlig OK sein.
    Wir haben nur dieses eine Leben und sollten dieses in Zufriedenheit mit uns selbst leben.
    Du machst das schon richtig!
    Ich wünsche Dir eine wunderbare Zukunft.
    Alles Liebe Sylke

    • Liebe Sylke,
      so ein schöner Text, Danke für die herzlichen Worte! Und ja, es war genauso wie du es beschreibst. Wenn man in eine Richtung gehen soll, die sich nicht gut anfühlt, bringt das alles durcheinander und das spüren natürlich auch Leser. Von daher bin ich glücklich und dankbar für den Schritt, der längst überfällig war. Die Leichtigkeit kommt sicher bald zurück :)
      Schön, mal wieder von dir gehört zu haben und ganz liebe Grüße aus Köln
      Ute

  • Vergiss niemals, warum Du damals ausgestiegen bist!
    Mach weiter und wirf nichts weg!

    Vielleicht erinnerst Du Dich, als ich letzten Dezember nach 6 Jahren “meiner Reise” wieder zufällig auf Deinem Blog gelandet bin. “Nichts verändert und doch alles anders”

    Wir können die Welt und die Menschen nicht ändern, nur unsere Erfahrungen mitnehmen und unseren Umgang damit VERändern.

    Ich arbeite noch immer an mir und an:
    “Du kannst nicht jeden Hund dieser Welt retten, aber Du kannst die ganze Welt für einen Hund retten”
    vielleicht hilft das, wenngleich ich das selbst noch immer nicht akzeptieren will.
    Ich wollte wohl auch immer zu viel…

    Rock on!
    Johannes

    • Hey Johannes,
      um Himmels willen, ich werfe auf keinen Fall etwas weg. Eigentlich im Gegenteil: wieder authentisch sein und schreiben zu können, bringt für Leser und mich einen enormen Mehrwert. Ich geh’ da mit dem Flow :)
      Liebe Grüße und weiterhin toi toi toi
      Ute

    • Liebe Ute,
      Du bist die einzige Reisebloggerin, die ich noch mit Freude lese und ich finde Deine Entwicklung spannend und ich lerne ganz viel von Dir. Danke dafür und ich freue mich darauf zu lesen, wie es bei Dir weiter geht.
      Liebe Grüße
      Ute

      • Liebe Ute,
        ich freue mich immer sehr auf deinen so positiven Zuspruch! Vielen Dank dafür, das tut mir jedes Mal sehr gut.
        Eine schöne Woche wünsche ich dir und hoffentlich bis bald,
        liebe Grüße
        Ute

  • Hi Ute, ich lese deinen Blog schon einige Jahre sehr gern und habe durch dich tolle Einblicke in die Welt da draußen erhalten. Dennoch kann ich deinen Schritt und die Gründe dafür absolut verstehen und nachvollziehen. UND: ich wünsche dir nur das Beste, was auch immer da kommen mag :-) LG Jasmina

    • Liebe Jasmina,
      das sind aber schöne Zeilen – vielen Dank dafür! Freut mich, dass du etwas für dich mitnehmen konntest.
      Herzliche Grüße aus Köln!
      Ute

  • Sehr gute Beweggründe und ein tolles Statement. Den Zwang zur Kommerzialisierung erfahren viele Blogger aber auch Künstler und andere “Kreativschaffende”. Es ist ein Tanz auf Messers Schneide und ohne Grundeinkommen wird es meiner Meinung nach leider immer so bleiben…

    Ich finde es gut dass du hier Prioritäten setzt und dich klar positionierst. Für Maria und mich wird unser kleiner Blog auch immer ein Hobby-Projekt bleiben, das sich im Idealfall selbstfinanziert (hosting, tools, domain, etc) – oder halt aber auch nicht.

    Weiterhin gutes Schreiben, Jan

    • Hallo Jan,
      das ist eine gute Entscheidung. Es wäre schon hilfreich, wenn Unternehmen und PR-Agenturen wenigstens faire Preise anbieten würden, aber solange es Leute gibt, die Kooperationen umsonst oder für kleines Geld annehmen, wird sich da leider nichts ändern. Wie du schon sagst geschieht das auch in anderen Branchen…
      Euch auch weiterhin gutes Schreiben,
      Ute

  • Mal wieder ein wahnsinnig ehrlicher Beitrag und Glückwunsch zur Rückkehr zum authentischen Sein. Ich folge dir schon seit einiger Zeit und dachte mir in der Tat an der einen oder anderen Stelle, dass das irgendwie nicht so recht zu anderen, persönlicheren Beiträgen von dir passt. Daher freue ich mich jetzt umso mehr auf neuen Input, von dem ich für mich immer ein kleines Stück für mich mitnehme. Danke an dieser Stelle dafür und nur das Beste für dich! LG

    • Liebe Angelika,
      dann hast du eine gute Intuition, klasse! Ich freue mich sehr, dass du meinen Weg zukünftig auch weiterhin verfolgen wirst.
      Viele Grüße!
      Ute

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